Letzte Praktikumstage, Hochzeitstage, Urlaubstage

Überall, wo eine Zeit der Freude ist, da kommt auch irgendwann die Zeit des Abschieds. Aber sie muss nicht unbedingt traurig sein. Wenn ich zurückblicke auf die Wochen, die ich hier gearbeitet habe, dann fühle ich ein sehr warmes Gefühl. Es war noch normalen Maßstäben harte Arbeit, aber ich habe mich wohl gefühlt, wie in einer Familie. Auch jetzt beim Abschied fühle ich immer noch die Wärme, die mir die Menschen geschenkt haben.

Auch die Bilder sind jetzt komplett: Schaut einfach in die Foto-Galerie!

In der Woche nach dem Workshop konnte ich endlich ein wenig entspannen und einen Tage auch mal ausschlafen. Wobei ich immer noch in meinem Rhytmus gefangen bin, spät ins Bett zu gehen und trotzdem früh aufstehen muss. Also sind auch die Nächte der letzten Wochen immer noch sehr kurz gewesen.
Ich habe einen Vormittag und einen ganzen Tag nach dem Workshop freibekommen. Dummerweise hatte ich an einem der Tage eine Verbredung mit einem Chef aus einer anderen Abteilung, die ich verpennt habe, weil ich mehr als 13 Stunden geschlafen habe. Da gabs wirklich einiges an Schlafmangel aufzuholen.
Den freien Tag habe ich also halb verplempert mit Schlafen, die andere Hälfte mit Bericht schreiben und Emails beantworten. Als aus dem kleinen Fenster meines kleinen Gefängniszimmers rausschaute, sah ich: Nichts. Es war schon wieder dunkel.
Dann gabs den Abschied von meinen Praktikanten-Kolleginnen. Ihr Vertrag lief schon vor meinem aus. Es gab eine kleine Abschiedsfeier mit Kuchen, abends sind wir zusammen ausgegangen, haben gegessen und viel Himbeerwein getrunken.Aber selbst an ihrem letzten Arbeitstag sind sie bis 22 Uhr im Büro geblieben. Ich habe schon um 21 Uhr aufgegeben, weil ich an diesem Tag Kopfschmerzen hatte, von der Luft, vom Licht- und BEwegungsmangel, den ich hier im Büro bekommen habe. Es war, als ob ich einen Strang auf Stirnhöhe um meinen Kopf gelegt hätte, der sich langsam zusammenzieht. Ich fühlte auch ganz stark den Mangel an Licht. Das Büro hat kein echtes Fenster, wo man mal rausschauen könnte, während der Arbeit. Man sieht also immer nur Neonlicht.
Das Wochenende war auch wieder voller Programm!
Nach einer gründlichen Schlafkur am Samstag, wollte ich nochmal die Sonne genießen und habe einen Spaziergang zur nahegelegenen Ehwa Womans University gemacht (das ist kein Rechtschreibfehler, ausnahmsweise, man schreibt wirklich womans mit “a” und ohne Anführungszeichen, was aber nichts über die Qualität der Uni aussagt). Ich war schon schwer beeindruckt. Erstmal gibt es in dem ganzen Viertel drum herum nur Frauen. Männer gibt es nur als Anhängsel von Frauen. Dann gibts nur Frauengeschäfte: Schuhe, Klamotten, Café zum Quatschen nach dem Shoppen und Essen, muss ja auch jeder. Ich genoß jeden Sonnenstrahl den ich mitbekommen konnte. Ich hatte das Gefül seit Wochen nicht mehr tagsüber draußen gewesen zu sein.
Insbesondere die Architektur der Uni hats mir angetan. Man schaue sich das Bild dafür an: Es ist eine Oase des Grünen von oben, eine Oase des Wissens unter der Erdoberfläche, mitten in der Stadt. Und das relativ neue Unigebäude hat es geschafft, diese natürliche Oberfläche zu erhalten, in dem sie die Uni quasi unterirdisch gebaut hat. Der Name des französischen Architekten ist Dominique Perrault. Ich find die Uni so cool, dass ich am liebsten ganze Städte so bauen möchte. Unsichtbar, in den Berg hinein, Sonnenlicht mit Kollektoren umgeleitet, wenns nicht geht durch Lampen ersetzen, die den natürlichen Farbverlauf des Lichtes imitieren. Aber gut, das mit dem Architekten spielen, hätte ich mir auch früher überlegen können.

Auch Frieden kostet was – Fundraising

Am Samstagabend bin ich von meiner jüngeren Chefin zu einer Fundraising-Party von Amnesty International eingeladen worden. In der Einladung stand, man sollte sich “chique” machen, aber meine Chefin meinte, ich sollte ruhig in casual kommen, also ganz normal, ohne Schlips und Kragen. Leider war das ein Fehlgriff, den alle anderen Gästen auf der mega-chiquen Party waren chique, nur ich nicht. Also hab ich es versucht als Statement zu sehen.
Tja, Fundraising-Partys, es war genau so, wie man sich es vorstellt. Das teuerste Restaurant, kristallene Kronleuchter, eine Wand voller Wein- und Sektflaschen, ein großzügiges Buffett und Frauen in hübschen Kleidern (die Männer sahen aber auch ganz passabel aus): aber: stinkilangweilig, wenn man nichts dagegen tut. Die Leute stehen erstmal nur rum, ein paar Unterhalten sich, wenn sie sich den vorher schon kannten. Wenn nicht, dann hat das gehörige Überwindung gekostet, oder einen Bekannten einen Gefallen, und dann wird nach drei Sätzen schnell ein Visiten-Kärtchen ausgetauscht, und bei einer kurzen Visite ist es dann auch geblieben.
Ich hatte natürlich keine Langeweile, weil ich das alles beobachten konnte. (Ich übertreibe aber auch ein bißchen). Nachdem man sich durch das halbe Buffet durchgefuttert hatte, mancher schon das dritte Glas Wein in der Hand, da gabs dann ein paar Reden:
EIn Mitglied des Parlaments, von einer linksgerichteten Partei, sprach über den Frieden und wie wichtig er sei. Einen kleinen zynischen Kommentar über die füllige Ausstattung des Buffets konnte auch er nicht verkneifen! Direkt zwei Sympatiepunkte bekommen.
Eigentlich fühlte ich mich ganz friedlich, so gefüllt wie ich war. Dann sprach auch irgendwann die Präsidenten von Amnesty International Korea. Sie zeigte eine Präsentation und Videos gegen Waffenhandel und für einen Waffensperrvertrag. Bilder mit Kindersoldaten, Toten Menschen, Ausschnitte aus Kriegsfilmen. Der nichtvorhandenen Kragen wurde mir immer enger, das Essen fand auch nicht mehr genug Platz in meinem Magen, der sich krampfhaft zusammenzog über die Ungerechtigkeiten in dieser Welt.
Das war dann auch genau der richtige Moment um auf die Boxen zu verweisen, die sich an zwei Stellen im Raum befanden. Vor mir befand sich schon ein Umschlag, den ich mit Geld befüllt in eben diese Box stecken sollte.
Ehrlich gesagt, kann ich mir den Zynismus kaum verkneifen, aber die ganze Angelegenheit ist kaum anders zu lösen. Erstens, diese Organisationen brauchen Geld. Reihe und wichtige Leute haben Geld. Und an dieses Geld kommt man bei Fundraising-Partys. Ob diese nun hübsch (und teuer) oder bescheiden sein sollen, darüber kann man sich streiten; zynisch bleibt die Situation eh, da derjenige, der sich auf der Fundraising-Party befindet immer auf der anderen Seite steht: Auf der Seite, der Starken, auf der Seite des Friedens und des Wohlstands, egal ob man diesen Wohlstand nun vertuscht oder offen zeigt.
Auch ich habe Kontakt geknüpft, nicht mit dem Parlamentsmitglied, aber mit einem jungen Mann an unserem Tisch, der seit zwei Wochen Englisch-Lehrer an einef der ärmsten Schulen in Seoul ist und aus England stammt. Als wir uns nach langem Gespräch auch am Wein erfreuen wollten, war die Party auch schon wieder vorbei, das ganze war halt eben doch sehr zielgerichtet auf die Briefumschläge mit dem Geld. Feiern kann man danach wo anders. Bei der Feiern hat mir Anna noch eine Freundin aus ihrer Kirche vorgestellt. Sie ist Hairdesignerin und da meine Haare mal einen ordentlichen Schnitt verdient hatten, habe ich mir für den Sonntag vorgenommen, sie im Friseurladen zu besuchen und danach mit Anna in die Kirche zu gehen.

Die Star-Hairdesignerin und das Tier auf meinem Kopf, das ich “Frisur” nenne

Friseurladen ist auf keinen Fall das richtige Wort, für das was dann am Sonntag um 11 Uhr kam. Im teuersten Viertel von Seoul, Gangnam, wo die kleinen Apatewohnungen so viel kosten, wie bei uns auf dem Land ein riesen Haus mit hektarweise Land, da versteckt sich der perfekte Friseurladen. Dreißig Menschen stylen, schneiden, färben, waschen, massieren und erfüllen auch sonst jeden Wunsch ihrer Kunden, bei klassischer Musik und mit den besten Ausbildungen, die ein Hairdesigner haben kann. Meine Hairdesignerin (wer Friseuse sagt, kriegt Ärger) hat bei Viddal Sasson in London gelernt.
Und so wurde anderthalb Stunden an mir rumgezüpft. Erstmal Haare waschen mit einer ordentlichen Kopfhautmassage, dann Bildchen gucken, eins aussuchen, dann eine Stunde schnibbeln mit 5 verschiedenen Scheren, Rasierapparat und Nassrasierer, alles dabei. Sie achtet sogar auf die Haare zwischen meinen Augenbrauen und die drei Haare, die aus dem Ausschnitt im Nacken aus meinem T-Shirt rausschauen. Auch sonst schenkte sie jeden Haar auf meinem Kopf ihre volle Aufmerksamkeit: Die Frau war professionell Es gab eine Getränkeauswahl, besser als in jedem teuren Café, und nachdem ich eine Kur für meine Kopfhaut und dabei eine kleine Nackenmassage bekommen hatte, wurde mir langsam bewusst, dass das nicht umsonst sein kann. Die Nackenmassage hätte aber auch länger sein können, ich war nämlich gleich wieder verkrampft, als ich mir vorgestellt hatte, was das in Deutschland kostet würde, aber da bließ mir auch der Fön durch die Haare, zupf zupf hier und zupf zupf da: Schlußendlich noch mal mit dem Haarglätter hier glatt machen, andere Stellen durchwuscheln und dann das Finale: zwei Frauen stylen jedes meiner Haare einzeln.
Das Ergebnis perfekt! Ich finde, das ist meine bisher beste Frisur, die ich im Leben getragen habe. Ich trage ja im Winter so einiges auf dem Kopf. Manchmal fragen sich die Leute auch, warum ich mir ein Tierfell auf den Kopf binde, obwohl es doch warm ist.
Ihr wollt den Preis wissen? Ihr glaubts mir eh nicht, also könnte ich es auch gleich verschweigen.
Umgerechnet 14 Euro für anderthalb Stunden Service vom Feinsten! Nun gut, das war die Hair-Designer-Geschichte. 🙂 Ach übrigens, nachdem ich mir einmal die Haare gewaschen hatte, so alles wieder aus wie vorher. Und dabei haben sie mir sogar gezeigt, wie ich es machen muss…

Kirche – wieso gehe ich hier immer in die Kirche?

Abends habe ich dann meine jüngere Chefin getroffen, die natürlich schwer begeistert war von den Künsten ihrer Freundin. Ich bedauere jetzt noch, dass ich nicht regelmässig in diesen Laden gehen kann. Ihre Karte hab ich auf jeden Fall. Also sind wir abends in die Kriche gegangen: Samil Gemeinde in Seoul. Ein zehnstöckiges Hochhaus, mit Dachterasse, vielen Räumen, perfekter Ausstattung, der Hammer. Auf der Dachterrasse gibt es Gelegenheit ihr Team kennen zu lernen. Darunter sind drei Amerikaner, die allemal Lehrer sind, und ein paar Koreaner, die fließend Englisch sprechen. Ein paar davon hatte ich auch schon vorher gesehen, weil sie im Büro volontiert haben.
Die Messe war ja mal wieder der Hammer. Die Musik ergreifend, mit viel Tanzen und Singen. Ich kanns kaum beschreiben, weil es wenig mit Kirche zu tun hat, wie wir es gewohnt sind. Einer steht vorne, sagt was, dann wird aus dem staubigen Kirchenbuch ein Lied vorgesungen, die alten Damen aus der ersten Reihe singen schief, ich karrikiere. Hier: Tausend junge Leute in einem perfekt ausgestatten Raum, mit Band, Chor, klassischen Musikern und allem Equipment, was man für eine perfekte Veranstaltung braucht. Drei Beamer und überall Bildschirme, Untertitel für die Lieder zum Mitsingen, ja, man stelle sich vor, es gibt sogar Übersetzer, die die Messe ins Englische übersetzen. Mit einem Knopf im Ohr konnte ich diesmal sogar verstehen, was gesagt wurde.
Es ging um Führungskompetenz und Leadership, die Bedeutung der Kommunikation dafür, dass man Handys als Team-Chief benutzen soll, um die “Schafe” beieinander zu halten. Das Team soll wachsen, mehr Leute in die Kirche kommen.
Diese Kirche hat einen unglaublichen Aufstieg. Innerhalb von 10 Jahren haben sie eine Unzahl vn Mitgliedern angeworben, ich erinnere mich nicht mehr wie viele.
Aber dass Kirche in Korea ein Wirtschaftsmacht ist, die mir nicht sofort aufgefallen ist, wird eindeutig, wenn man von dem Spendenaufkommen pro Woche in dieser Kirche hört: 180.000 Dollar, pro Woche! Eine Kirche! Viele Koreaner geben den 10ten Teil ihres Gehalts für die Kirche, natürlich kauft die sich davon nur das beste vom besten. Meine zynische Frage, warum es dann immer noch obdachlose in Seoul gibt, hab ich aber unterdrückt. Von diesen Kirchen gibt es hunderte in Seoul, von ganz Korea schweige ich besser. Ich kann mir vorstellen, dass sie einen bedeutenden Einfluss auf das Bruttoinlandsprodukt haben!
Aber die Kirche macht auch wirklich Spass: Man trifft viele junge Leute aus der Welt, unternimmt zusammen etwas, die Messe ist mehr eine Tanzveranstaltung mit viel Musik und nebenbei ein riesiger Heiratsmarkt: Was will man mehr? Da kommt unsere katholische Kirche bei den Jugendlichen nicht mit!
Am späten Abend hab ich dann meinen koreanischen Kumpel und seine zukünfitge Ehefrau mit ein paar Freunden zum Abendessen getroffen. Ein kleines Zeichen aus der Heimat. Er ist bereits umgezogen in Deutschland. Seit drei Monaten hab ich ihn nicht gesehen, dabei reise ich doch durch sein Land. Wir haben uns alle sehr gefreut uns wieder zu sehen. Noch 6 Tage bis zur Hochzeit!

Der Tag des Friedens in Myeong-dong – Die Leute wollen nur in Ruhe einkaufen.

Ein anderes Erlebnis war der Tag des Friedens am Montag. An diesem Tag gabs eine kleine Veranstaltung in der Inennstadt, aber die Leute schenkten ihr nicht viel Beachtung. Ich hatte die Gelegenheit einen Blick auf zwei Mitglieder des koreanischen Parlaments zu werfen, einem konnte ich die Hand schütteln, als wir nach den öffentlichen Feierlichtkeiten im Konferenzsaal der Organisation saßen (und aßen). Ihn hatte ich auch schon auf der Fundraising-Party gesehen. Ansonsten lief das ganze sehr unspektakulär ab. Nach meinen kurzen Versuch ein paar Friedens-Flyer zu verteilen, wurde mir klar, wie wenig Interesse die meisten Menschen an Frieden haben, wenn sie im Frieden leben.
Am Mittwoch war ich eingeladen zu der Eröffnung einer Ausstellung meiner Koreanisch-Lehrerin. Sie hat in ihrem Leben Puppen aus allen Ländern gesammelt und es war wirklich spannend sie alle zu sehen. Das sammeln sich lohnen kann, insbesondere, wenn es mit anderen Menschen teilt, zeigte sich hier!
Am Nachmittag gabs dann die nächste Ausstellung, die eröffnet wurde. Diese war eine Exposition von Bildern, die in Schulklassen des Asia-Pazifik-Raumes geschossen wurden. Wundervolle Bilder voller Farben und Emotionen. Ich war für den Abend Hausfotograf. Wieder eine neue Aufgabe, die mich herausforderte. Es gab verschiedenste Gäste aus den Botschaften dieser Länder als auch die in Korea sehr bekannten Fotografen. Und ein köstliches Buffet, auf dass ich mich nach getaner Arbeit stürzen wollte. Köstlichkeiten aus allen Ländern des Asia-Pazifik-Raums, aus Burma, aus Laos und aus noch mehr Ländern. Die Zunge reisen zu lassen ist eine meiner größten Freuden! (Leider auch manchmal keine Freude, von die Zunge vom Schmerz der Schärfe aufheult…)

Abschied nehmen

Am Abend hatte ich mich mit ein paar Freunden verabredet. Meinem jungen Freund, der mir einen Abend Koreanisch beigebracht hatte und ein Kumpel von ihm, ein deutsches Mädchen vom Sprachkurs, und ein anderes Mädchen aus den USA, die ich in der Kirche kennen gelernt habe.
Zusammen hatten wir einen schönen Abend, vor allem über unsere Erlebnisse konnten wir uns austauschen, über kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten.
Donnerstag war ein einfacher Bürotag, abgeschlossen durch ein Abendessen mit meiner jungen Chefin. Freitag war auch Büroarbeit angesagt, aber am Nachmittag wurde es etwas unruhiger. Ich wusste ja, dass eine Abschiedsfeier stattfinden würde. So kam es dann auch. Meine Kolleginnen und Kolleginen, der Direktor, die Team-Leiterin, meine junge Chefin, alle da mit einem Kuchen und ein paar Kerzen, fest wie am Geburtstag. Irgendwie fühlte ich mich fehl am Platze, weil in meinem Kopf noch kein Platz fürs Weggehen war. Aber nachdem ich aufgefordert wurde, ein paar Worte zu sprechen und dass dann auch ausführlich getan habe, würde es mir doch bewusst, dass der Abschied nahe ist.
Wir überreichten uns gegenseitig viele Geschenke und Worte voller Wärme. Kurz gesagt: Die Arbeit war hart, aber nie waren die Beziehungen zwischen uns schlecht. Es gab immer die Wärme einer Familie (vl. auch manchmal die Härte und Kälte, die einem eine Familie geben kann, wenn sie einen ausschließt oder herausfordert). Zumindest ein unvergessliches Erlebnis. Unvergessliche Erlebnisse, es waren so viele, dass ich vermutlich noch die nächsten Wochen viel darüber nachdenken muss, was alles geschehen ist.
Am Abend sind wir ein letztes Mal gemeinsam Essen gegangen. Es war wunderbar. Ich habe es noch nicht erlebt, dass ein Chef oder eine Chefin so offen mit mir reden kan, über ihr Leben, ihre Jugend, ja sogar kleine Geschichten, die sie vielleicht nicht mal ihren Freunden anvertrauen würden. In Deutschland habe ich so eine Offenheit und Vertrautheit noch nicht erlebt. Ich sagte es schon: Das Arbeiten hier, gibt mir viel mehr das Gefühl in einer Familie zu sein.
An der Bushaltestelle musste ich dann tatsächlich Abschied von meiner Hauptchefin nehmen. (Alle anderen würde ich nochmal nächste Woche sehen, wenn ich mein Zeugnis abhole).  Auch hier, Zeichen der Herzlichkeit, die ich so noch nicht in der Arbeitswelt erlebt habe! Danke dafür!

Hochzeitstag – was koreanische Hochzeiten mit koreanischer Arbeitsweise zu tun haben

Die Nacht über konnte ich kaum ein Auge zumachen, teilweise aus Angst den Bus zu verschlafen, teilweise weil ich noch über alles nachgedacht habe, was so geschehen ist in den letzten Wochen. Als mein Kopf um drei Uhr immer noch drehte, habe ich mir noch “Harald Schmidt” angeschaut (eine deutsche Late-Night-Show). Kaum drei Stunden später stand ich wieder auf den Beinen, hatte bereits alles gepackt und schmieß mich in meinen schicksten Anzug, bis mir auffiel, dass mir die richtigen Schuhe für den Anzug fehlten. So nahm ich halt, was da war, schmunzelte über meinen jugendlichen Leichtsinn in solchen Sachen und machte mich auf dem Weg. Ein letzer Blick in meine winziges Zimmer, das ich nicht wirklich vermissen würde und ich machte mich auf dem Weg zum Taxi.
Pünktlich um 6:30 war ich dann am Bus der mich zur Hochzeit meines Kumpels bringen sollte.
Ich muss sagen, dass ich an dem morgen langsam den Overload der Erlebnisse zu spüren begann. Ich sehnte mich ein wenig nach einer Zeit, in der mal nicht viel passiert, außer Emails, Postkarten und Berichte schreiben, nachdenken und lesen. Vielleicht nach der Hochzeit, wenn ich ein paar Tage bei der Familie bin. So schlief ich im Bus ein, bis wir in Yulpo angekommen sind. Das ist der Ort an dem mein Kumpel aufgewachsen ist. Ein kleines verschlafenes Örtchen, hautpsächlich Restaurants am Strand, aber es gibt auch ein Erlebnisschwimmbad und ein großes Hotel. in ebendiesem Hotel sollten die Feierlichkeiten stattfinden.
Tja, die Hochzeit. Im Prinzip war sie eine Hochzeit, wie ich sie auch kenne. Am Eingang wurde man von den Familienmitgliedern begrüsst. Viele von Ihnen hatte ich letztes Jahr gesehen, sie freuten sich sehr, dass ich wieder da war. Manch einer schaute auch überrascht, weil er nicht mehr mit mir gerechnet hatte.
Die Frauen trugen alle die traditionelle koreanische Kleidung Hanbok, sehr hübsch, die Männer ihre schicksten Anzüge mit bunten Glitzerkrawatten (da waren wohl kleine Kirstalle eingearbeitet). Wir wurden in den großen Saal eingeladen. Der Vater der Braut ist Pfarrer, so übernahm er die Zeremonie. Als die beiden hineinkamen, sah es wirklich traumhaft aus. Das kann und will ich gar nicht genauer beschreiben, weil mir auch in diesem Moment alle Worte fehlten.
Leider habe ich auch nicht viel verstanden was gesagt wurde, umso mehr drang mir die Musik ins Herz. Was mich lachen machte, war die Musikauswahl für den EIn- und Ausgang des Brautpaares: Es war die deutsche Nationalhymne, aber mit koreanischem Text, vermutlich mit christlichen Inhalt. Auch hat die Braut drei Lieder auf dem Piano gespielt. Ich habe sie zum ersten Mal spielen gehört und ich war begeistert! Das hätte ich nie erwaretet!
Zwei Sänger sind noch aufgetreten, die Musicals vorgetragen haben. Irgendwann, meine Erinnerungen sind nur noch sehr dünn verhanden, weil ich einerseits völlig übermüdet war, andererseits so fasziniert war und jeden Moment in mich aufsog ohne ihm Zeit zu geben sich in meinem Gedächtnis niederzulassen, irgendwann war es dann vorbei. Es gab noch die obligatorischen Fotos.
Einer der Verwandten ist professioneller Fotograf, und so gabs auch wunderschöne Bilder der beiden, in verschiedensten Kleidungen und Settings: Auf jeden Fall eine schön anzusehende Erinnerung, auch wenn es mit viel Schweiß und Mühe verbunden war. Tausende Bilder wurde innerhalb weniger Tage geschossen, aber wie gesagt: Das Ergebnis konnte sich sehen lassen.
Am Nachmittag war der Spuk auch schon wieder vorbei. Pünktlich um 14:50 saßen alle wieder im Bus Richtung Heimat. “Balli balli” sag ich dazu. Ne Hochzeit mit 300 Gästen in knapp zwei Stunden durchzuziehen, das kann man nicht anders als “schnell” beschreiben.
Jetzt bin ich bei der Familie, ich genieße das Essen, den Ausblick aufs Meer und ich schlafe so lange ich kann. 12 Stunden und mehr, sind ein Genuß, den ich lange nicht mehr hatte. Mein Kumpel ist jetzt auch schon wieder auf dem Weg nach Deutschland – während ich hier noch etwas die Zeit genießen möchte.
Ab jetzt werde ich die Zeit privat genießen, d.h. ich werde für die letzten Tage keinen Bericht mehr schreiben. Es passiert vermutlich auch nicht mehr viel spannendes, außer das ich Postkarten schreibe, mir die Bilder noch mal anschaue, ein paar Emails beantworte und dann langsam aber sicher wirklich von jedem Abschied nehmen muss. Vielleicht werde ich noch mal einen Rückblick aus Deutschland schreiben: Das ist der Moment vor dem ich mich im Moment noch am ehesten “fürchte” und freue zugleich: Die Heimat wieder zu erkennen, ein wenig fremd sein, aber auch zu Hause sein…so wars zumindest letztes Jahr. Vermutlich werde ich auch nicht viel erzählen können. Wie könnte ich das alles erzählen, was ich erlebt habe. Schon hier, im Blog habe ich viel zu viel geschrieben. Reden müsste ich ja Tage.

Wenn ihr mich fragt, wie es war, dann werde ich wohl einfach sagen: Gut! Und dahinter steckt alles, was ihr hier lesen und sehen könnt, und noch viel mehr!
Zum Abschied gibt es noch ein kleines Video über einen ungewöhnlichen jungen Mann, der mich sehr beeindruckt hat.