Die intensivsten Arbeitswochen meines Lebens und wie ich sie überlebt habe

Ich war ja schon darauf eingestellt, dass die koreanische Arbeitsmentalität etwas anders ist. In der ersten Woche war es ja zu meiner Überraschung sehr langweilig. Aber was danach kam, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet: 3-4 Stunden Schlaf pro Nacht, der Rest war Arbeit: Das Ganze während mehr als zwei Wochen, ohne Wochenende oder freiem Tag, kein Scherz, nur als Praktikant. Wie viel Stunden Festangestellte schlafen und ob überhaupt, erfahrt ihr beim Lesen. Und von vielen anderen Erfahrungen, die es wert waren auf Schlaf zu verzichten.

Es sind jetzt mehr als zwei Wochen vergangen, in denen ich keinen Bericht mehr geschrieben habe, und das aus gutem Grund. Ich habe in diesen zwei Wochen einfach keine Zeit gehabt. Keine Zeit für Emails, nur sehr wenige und kurze Telefonate, keine Zeit für Berichte. Schlaf war ein Luxus, der mir erst seit gestern wieder vergönnt war (pro Nacht waren es wohl 3-4 Stunden). Aber ich will mich auf keinen Fall beklagen, auch gehts mir überhaupt nicht schlecht: Ich bin bei bester Laune, habe vielleicht etwas zugenommen, weil auch zum Sport machen keine Zeit geblieben ist und wir sehr oft in Restaurants gegessen haben, aber mir geht‘s gut: Ich habe Erfahrungen machen können, die ich vielleicht bis jetzt noch gar nicht so richtig einordnen kann, ich habe bis jetzt auch noch nicht wirklich darüber nachgedacht. Aber es sind Erfahrungen, die ich nicht missen möchte.

Das Umfeld in dem ich arbeite

Die Organisation, in der ich mein Praktikum mache, habe ich bisher noch nicht so richtig vorgestellt. Es ist das Asia-Pacific Centre for Education to International Understanding. Kurzum schaut Euch die folgende Webseite an, dann wisst ihr im Prinzip worum es geht:
www.unescoapceiu.org
Diese Organisation wird vom Koreanischen Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Technologie finanziell getragen und ist eine Kategorie II Organisation der UNESCO. Zu ihrem Zielen gehört es unter anderen „Education for International Understanding“ zu verbreiten, d.h. durch Bildung und internationales Verständnis die Welt zu einem friedlichen Ort zu machen. Ich gehöre zur Abteilung die verschiedene Weiterbildungsprogramme und Workshops durchführt, so gibt es beispielsweise Programme für koreanische Lehrer, für afrikanische Stipendiaten aber auch ein Workshop der „Asian-Pacific Training Workshop for Education to International Understanding“ heißt und an dem ich als Praktikant teilnehme. Dieser fand in diesem Jahr zum 9ten Mal statt: Es gab 42 Teilnehmer aus 24 Staaten des Asia-Pacific-Raums, dazu gehören Iran, Afghanistan, Usbekistan, Kirgistan, Mongolei, China, Südkorea, Bangladesh, Pakistan, Burma, Buthan, Vietnam, Laos, aber auch Palao, Fiji, Malediven, Philippinen, Indonesien, Thailand, Malaysia, Tonga, Papua Neu Guinea, Singapore und Sri Lanka. Die Vertreter aus diesen Ländern kamen aus allen Bereichen, die mit Bildung zu tun haben. Vom Bildungsminister über Teacher-Trainer (Weiterbildner für Lehrer) und Vertreter der nationalen UNESCO-Kommites bis zum Geographie-Lehrer war alles dabei.
In den letzten 14 Tagen habe ich Menschen aus all diesen Ländern kennen gelernt, habe sie viel gefragt, habe zugehört und von Ihnen gelernt, aber auch sie von mir, von Europa, Deutschland und Belgien. Ich kann ja gar nicht alles schreiben, was ich erfahren habe, wie sich viele Vorurteile in Nichts aufgelöst haben, wie ich manches mal erstaunt war. Ich versuche es trotzdem.

Ein paar Tage vor dem Workshop

Aber bevor ich mich im Allgemeinen verliere, möchte ich noch mal konkret von den Ereignissen berichten. Leider ist es schon länger her, so kann ich mich nicht immer genau an die Reihenfolge erinnern, aber das tut auch nicht immer so viel zur Sache.
Montag habe ich einen koreanischen Freund getroffen. Ich hatte ihn beim Abschiedsessen der afrikanischen Stipendiaten kennen gelernt. Er hat schon mehrere Jahre in Frankreich gelebt, hat mir viel von seiner Schulzeit in Frankreich und später in Korea erzählen können und konnte mir deswegen viele Eigenheiten der koreanischen Kultur und Sprache nahe bringen. An dem Abend haben wir uns bei einem belgischen Bier zusammen gesetzt und er hat mir Koreanisch beigebracht. Ich hatte viele Fragen, die noch offen waren, er hat sie mir alle geduldig erklärt.
In dieser Nacht und in manch anderer konnte ich im Hotel schlafen (Metro Hotel, Myeong Dong, locker 20 qm), was eine schöne Abwechslung von meiner Studentenbude war (Goshiwon, 6 qm). Ich hab abends von 12 bis 1 Uhr erstmal ein ausgiebiges Bad genommen, dann die schöne Einrichtung genossen, bis ich um 3 Uhr ins Bett gegangen bin.
Am nächsten Morgen gab es viel Arbeit: Namensschilder, Zuordnungen der Hotelzimmer, und was sonst noch so alles zu organisieren ist. Der Tag verfliegt. Mittags treffen wir Prof. Toh Swee-Hin, Professor von der University of Peace in Costa Rica. http://www.upeace.org
Während der nächsten zwei Wochen werde ich noch einige Male mit ihm sehr intensiv über Frieden, Krieg und alles was damit zusammenhängt reden. Ein freundlicher Mensch, in sich ruhend, spirituell, aber überhaupt nicht abgehoben. Optimist und irgendwie auch Realist zugleich. Er glaubt an den Frieden, weiß aber auch, dass es an viele Voraussetzungen gebunden ist und viel Zeit braucht.
Und einen Tag später treffe ich einen jungen Amerikaner, der auch zu dem Dozententeam gehört: Er lebt seit zwei Jahren in Korea, aber kann kein Koreanisch lesen. Dafür lebte er vorher mehrere Jahre in Japan und spricht Japanisch. Weltoffen, intelligent und von einer freundlichen Natur. Mit ihm habe ich viel zusammen gearbeitet, aber auch einfach gute Gespräche geführt und beim Arbeiten Spass gehabt.
Ich würde am liebsten alle vorstellen, die zum Team gehören, auch die 42 Teilnehmer, aber das wäre zuviel.
Noch kurz zum Team. Meine Bezugspersonen im APCEIU sind der Direktor (aber nicht so oft), dann die Abteilungsleiterin, die Programm-Assistentin, bei der ich mich beworben habe und dann noch mehrere andere Mitglieder der Abteilung, als auch 3-5 Praktikanten und 3-5 Frewiliige. Außer mir sind die meisten Koreaner, mit einer oder zwei Ausnahmen. Daher geht es im Büro auch manchmal munter auf Koreanisch zu, ich schnappe nur ein zwei Begriffe auf, aber verstehe nichts. Es ist wirklich liebenswert, wie sie versuchen mit mir auf Koreanisch zu sprechen, um es mir beizubringen. Ich mache auch große Fortschritte, aber leider verstehe ich noch nicht genug, als dass man mir es nicht noch mal auf Englisch erklären müsste. Englisch sprechen hier übrigens alle perfekt, was ja nicht überall in Korea der Fall ist.
Nachdem am Mittwoch schon die ersten Teilnehmer eingetroffen sind, waren am Donnerstag alle da. Das die Nächte nicht länger wurden, werde ich ab hier nicht mehr zu erwähnen. In den nächsten 16 Tagen habe ich eine Nacht 7 Stunden geschlafen. Die restlichen Nächte waren 3-5 Stunden lang. Man kann sich vorstellen, dass die Praktikanten nicht als letzte ins Bett gegangen sind: Somit haben die Organisatoren, es gab 3 für diesen Workshop, noch weniger geschlafen, wenn überhaupt. Manchmal haben sie nur den Kopf für ein paar Stunden auf den Schreibtisch gelegt und dann weitergemacht. Klingt verrückt, aber es war so. Was ich davon halte, schreibe ich am Ende, wenn ich generell noch mal über koreanische Arbeitsmentalität schreibe. Donnerstag Abend konnte ich wieder die Nacht im Hotel genießen, aber vorher haben wir zu dritt bei einem Bier in einer Bar bis 3 Uhr nachts die Namensschilder ausgeschnitten, die die Teilnehmer am nächsten Tag für die Veranstaltung brauchten.

Die Teilnehmer sind alle da: Der Workshop beginnt mit einer Eröffnungsfeier!

Am Freitag morgen wurde ich um 7:13 Uhr aus meinem Bett geklingelt. Meine Chefin war am Apparat: Ich solle in 10 Minuten im Büro sein, es gäbe Unmengen an Arbeit! Ich hüpfe etwas überrascht aus dem Bett, da ich sonst immer nur um 9 Uhr um Büro sein musste, aber heute war die Eröffnungsveranstaltung im Korea Press Center.
Um 9 Uhr war es schon so weit. Nachdem ich die Bekanntschaft einiger Teilnehmer mit verschlafenen Augen aber mit einem breiten Lächeln in der Lobby gemacht habe, begleitete ich sie zum Bus, der sie zur Presseveranstaltung bringen sollte.
Dort war quasi die High-Society aus Seoul vertreten, aber ich kann schon jetzt sagen, es sind auch nur Menschen: So gab es 10-15 Botschafter der verschiedenen Nationen, der Direktor der UNESCO in Korea, der Direktor der APCEIU, der Bildungsminister, der Direktor des UNDP (United Nations Development Program), Professoren aus verschiedensten Bereichen und dann natürlich Journalisten, zwei Dolmetscher in einer Kabine (für Koreanisch und Englisch) und natürlich die Teilnehmer des Workshops, die ja ordentlich und offiziell begrüßt werden sollten. Im Hintergrund haben wir Praktikanten das Getränkebuffet vorbereitet und der Keynote von Prof. Dr. Homi Bhabha gelauscht, Professor an der Universität in Harvard und postkolonialer Theoretiker.
Wenn ich das jetzt so vor 4 Wochen von jemandem anderen gelesen hätte, wäre ich wahrscheinlich erstaunt gewesen über all diese Persönlichkeiten. Aber ich muss sagen, für mich waren sie alle gleich viel wert. Die Praktikanten genau so wie die Botschafter, der Professor genau so wie der Dolmetscher: Vielleicht lags auch daran, dass ich keinen der Personen und ihre Bedeutung vorher wirklich kannte, aber auch mit diesem Wissen kann ich nur sagen: Das sind alles so normale Menschen, in einem gewissen Sinne. Durch die Medien hat man ja Vorstellungen von deren Persönlichkeit und Eigenschaften: Da ist man erstaunt, wenn man feststellt, dass Putin und Merkel beide quasi gleich „klein“ sind. Hier so ähnlich. Nur weil sie einen großen Titel haben, unterscheiden sie sich nicht groß. Sie essen, sie reden, sie haben Familie, haben Neigungen und Interessen. Und manchmal haben sie Spannendes zu erzählen.
Nach dem obligatorischen Gruppenfoto wurde zum Dinieren in den Festsaal gebeten. Es gab ein köstliches und vielfältiges Büffet, bei dem  mir Mässigung schwer fiel. Kristallleuchter an der Decke und klassische Musik zum Schmatzen der Asiaten beim Schlürfen der Glasnudeln. So fühlt sich Glück und interkulturelles Verständnis an…

Einführung in die Materie: Bildung für internationales Verständnis

Nachmittags gabs es die erste Einführung im Konferenzraum der APCEIU. 42 Gesichter, so unterschiedlich, aber doch alles Menschen: Das war schon beeindruckend, wie sie alle reihum saßen. Unsere Chefin gab eine Einführung zum APCEIU, danach begrüsste Prof. Toh die Teilnehmer. Meine zentrale Aufgabe in den nächsten Tagen sollte sein, die verschiedenen Session in einem Bericht zusammenzufassen. Ich war sehr zufriedenen mit dieser Aufgabe, da ich so quasi immer mit den Teilnehmern zusammen sein und den einzelnen Einheiten der Workshops folgen konnte.
Es gab leider auch schon am ersten Tag ein negatives Ereignis, von dem ich aber nicht genauer berichten werde, nur so viel sei gesagt: Es hat in mir Gefühle der Wut und Hass hervorgerufen, bei denen ich mich gefragt habe, wenn es solche Gefühle und solche Geschehnisse gibt, wie kann es dann jemals Frieden geben. Meine Antwort darauf ist bisher, dass es darauf ankommt, wie man mit diesen Gefühlen umgeht. Ich würde mich gerne weiter damit beschäftigen: Vielleicht kann ich ja mal Emotionskontrolle bei aggressiven Gefühlen untersuchen, die ja Gewalt auslösen. Das Thema sei mal vorgemerkt.

Ein kurzer Abriss des Tage während des Workshops

Die Zeit während des Workshops ist nur so geflogen, es gab  so viele Ereignisse, so viele Gespräche, so viel Arbeit, so viel Essen, so viele Eindrücke von den Kulturen, nur Schlaf gab es nicht.
Am zweiten Tag des Workshops sind wir in Seoul zur Nationalen Koreanischen Menschenrechts-Kommission gefahren (Korean National Human Rights Comission: http://www.humanrights.go.kr/english/index.jsp)
Dort wurde ins in Präsentation einmal die Arbeit der Kommission vorgestellt, aber auch das Thema Menschenrechte auf den Punkt gebracht. Vor allem die Rechte, die in Bezug zur Bildung stehen, wurden beleuchtet. Insbesondere der Artikel 26, Absatz 2 stand im Hauptinteresse, da er quasi der Auftrag für die APCEIU ist:

Artikel 26

  1. Jeder hat das Recht auf Bildung. Die Bildung ist unentgeltlich, zum mindesten der Grundschulunterricht und die grundlegende Bildung. Der Grundschulunterricht ist obligatorisch. Fach- und Berufsschulunterricht müssen allgemein verfügbar gemacht werden, und der Hochschulunterricht muß allen gleichermaßen entsprechend ihren Fähigkeiten offenstehen.
  2. Die Bildung muß auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein. Sie muß zu Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Nationen und allen rassischen oder religiösen Gruppen beitragen und der Tätigkeit der Vereinten Nationen für die Wahrung des Friedens förderlich sein.

Nachmittags hat die Jacqueline Bhabha über Kinderrechte und ihre globalen Erfahrungen gesprochen.
Abends sind wir nach Insadong zum Essen und Shoppen gefahren. Insadong ist die Straße, in der ich meine ersten Tage im Liebeshotel „Sarangbang“ verbracht habe: Dort werden vor allem Kunst und Mitbringsel für Touristen verkauft, somit war es eine hübsche Gelegenheit für die Teilnehmer sich dort mit Geschenken einzudecken.
Beim Schlendern durch die Straßen, aber auch beim Essen und der Busfahrt hatte ich viele interessante Gespräche: Insbesondere mit einem Mann aus Iran, einem anderen aus Aufghanistan und einem Uzbeken habe ich mich gut verstanden. Sie haben mir viel über den Ramadan und über den Islam erzählt.
Ich war sehr skeptisch, bevor ich sie kennen gelernt habe. Kann ich Ihnen politische Fragen stellen? Aber bevor solche Fragen überhaupt erst aufkamen, war es interessant von ihren Familien zu hören, von ihrem alltäglichen Leben, von ihrem Glauben. Schon allein das hat mir gezeigt, das viele meiner durch die Medien geprägten Vorurteile meistens ziemlich daneben sind. Es wird immer nur über Krieg in Afghanistan gesprochen, aber nie über dieses friedfertige Volk, dass die Afghanen sind, die im Spannungsfeld zwischen den Mächten USA, Russland und den Taliban aufgerieben werden.
Auch der Islam wird so gerne mit Islamismus gleich gesetzt. Nur ein kleines Beispiel, wie daneben das ist: Momentan ist die Zeit des Ramadans. Somit haben die muslimischen Teilnehmer den ganzen Tag, solange die Sonne schien, nichts gegessen, nichts getrunken und nichts konsumiert, erst abends und nachts durften sie wieder. Sie stehen nachts um 4 Uhr auf, Essen gemeinsam, auch haben sie mich eingeladen, auch einmal nachts mitzuessen. Warum machen Sie das? Ist das nur religiöser Fanatismus? Der Islam ist eine Religion, die auf Frieden zwischen den Menschen abzielt. Der Ramadan ist eine wichtige Zeit: Die Muslime sollen in dieser Zeit Empathie für die Menschen spüren, denen es nicht gut geht, die nicht genug zum Essen haben. Erst durch dieses Mitgefühl kann man verstehen, wie es dem anderen geht.
Dies ist nur eine von vielen Geschichten. Auch die Wärme und Nähe einer muslimischen Familie ist kaum zu vergleichen mit unserer Kultur. Ich will nicht sagen, dass eine oder das andere ist besser! Die Wärme der muslimischen Familie kann ja auch manchmal sehr heiß werden (wenns Streit gibt) oder sehr kalt und einsam (wenn man ausgeschlossen ist).
Mein Interesse an der islamischen Welt ist geweckt, auch wenn ich immer noch skeptisch bin wegen der Konflikte, die weltweit herrschen. Sind das alles nur Missverständnisse? Geht‘s dabei um Macht, Geld und die Gier nach mehr? Um unterschiedliche Philosophien? Oder ist das nur eine schöne Oberfläche und dahinter steckt auch Gewalt und Unterdrückung von Menschenrechten?
Soviel kann ich nur sagen: Diese Menschen, die ich getroffen habe, waren friedlich, waren liebevoll und meiner Meinung nach vertrauenswürdige Menschen. Aber leider bin ich meinen Skeptizismus noch nicht zu 100% los. Wahrscheinlich weil man auch keine zu großen Erwartungen haben kann: Auch religiöse Menschen bleiben nur Menschen, mir ihren Grenzen, mit ihren Bedürfnissen und inneren, wie äußeren Konflikten.
Während des Gesprächs mit dem afghanischen Teilnehmers sind wir nach Icheon, etwa eine Stunde außerhalb von Seoul gefahren: Dort befindet sich sehr abgeschieden das UNESCO Peace Village, eine schöne, entspannende Abwechslung zu der dynamischen Stadt Seoul, die ich aber leider aufgrund der vielen Arbeit kaum genießen konnte.

24 verschiedene Kulturen an einem Abend – und ich bin Moderator

Am Sonntag gab es dann die ersten richtigen Workshops. Lea, eine der Organisatoren für die Sessions, hat viele Aktivitäten vorbereitet, die vor allem als Eisbrecher zwischen den Teilnehmern dienen sollten. Es wurde viel gelacht an diesem Tag, aber auch die mentale Arbeit gehörte dazu.
Das Abendprogramm wurde von einer koreanischen Band gestaltet: Sie spielen auf den traditionellen koreanischen Instrumenten, manchmal traditionell koreanische Lieder, aber oft auch westliche Melodien: das nennt man hier dann Fusion (ähnliches gibt es auch für Restaurants). Zum Abschluss bekamen wir alle eine kleine Handtrommel, rhythmisch trommelnd im Gänsemarsch hintereinander hatten wir viel Spass. Nachdem Spass gab es aber noch ein Meeting, das von 12 bis circa 2 Uhr gedauert hat, danach haben wir die Materialien für den nächsten Tag vorbereitet. Drei Uhr im Bett, aber ich durfte an diesem Tag ausnahmsweise ausschlafen, weil ich die Moderation für den Kulturabend am nächsten Tag übernommen hatte.
Am nächsten Tag habe ich den Kulturabend organisiert. Alle Teilnehmer sollten Gelegenheit haben, ihre Kultur ein wenig vorzustellen, in 5 Minuten etwa. Bei 24 Ländern sind das alleine ja schon mehr als zwei Stunden. Somit habe ich die Materialien gesichtet, die die Teilnehmer vorstellen worden, und mir überlegt, wie man das ganze am besten moderieren kann.
Während des Workshops wurden in der Zeit die Schulbücher aus all diesen Regionen vorgestellt. Schon allein von der Qualität des Papiers gab es große Unterscheide, aber auch in den Inhalten konnte man mit kurzem Blick Unterschiede erkennen. Das ist mit Sicherheit auch ein interessantes Studienfeld: Umgang mit der Geschichte in Schulbüchern!
Abends war es dann soweit. Ich war ein wenig aufgeregt, naja, eigentlich nicht so wirklich, weil es auch kein großer Unterschied war zu den vielen Referaten in der Uni. Da sitzen Menschen, man sagt etwas was man sich vorher überlegt hat, je nach dem, etwas was gerade passt. Vor allem zum Improvisieren und freien Reden war es eine gute Übung, da natürlich viele unvorhergesehene Dinge passiert sind. Am liebsten würde ich jetzt auch von allen Beiträgen schreiben, die die Teilnehmer vorgestellt haben: Es wurde getanzt und gesungen. Bei jeder Gelegenheit sind alle Teilnehmer aufgesprungen haben und haben mitgetanzt. Es wurden Videos, Fotos und Präsentationen vorgeführt, Gedichte vorgelesen und Essen ausgeteilt. Im Saal gab es auch einen Tisch mit allen Mitbringseln der 42 Teilnehmer. Was es da nicht alles zu bestaunen gab. Natürlich waren alle auch in ihren traditionellen Kleidern angezogen. Es war wirklich ein kunterbunter Abend. Mir hat es solch eine Freude bereitet, so viele verschiedene Kulturen an einem Abend kennen zu lernen. Unglaublich! Und noch mehr Spass hat es gemacht, dass ich meinen Job als Moderator gar nicht so schlecht gemacht habe!
Nachdem alle Teilnehmer ins Bett gegangen sind, haben wir Praktikanten und Freiwillige uns auf dem Zimmer getroffen um noch ein Gläschen koreanischen Reiswein (Makkoli) zu uns zu nehmen.

Der etwas andere Bildungskampf in Korea

Am Dienstag gab es einen Ausflug nach Seoul, mit zwei Stationen.
Die erste Station war die Seoul Global High School. Das Bildung in Korea eine besondere Rolle spielt, noch viel mehr als in Deutschland, wird einem spätestens klar, wenn man sich anschaut, wieviele Stunden die Kinder schlafen (nicht besser als ihre erwachsenen Pendants): Circa 5-6 Stunden. Morgens beginnt der Tag um 6 Uhr mit Frühstudium: Lesen und Hausaufgaben vorbereiten. Dann gibts morgens Taekwondo. Den Tag über wird Unterricht gegeben. Aber auch Abends hört das Programm nicht auf. Es gibt weitere Unterrichtseinheiten. Auch nach 20 Uhr sitzen die Kinder noch um Studiersaal und bleiben mindestens bis Mitternacht dort, in kleinen Kabinen mit einem Licht, ein paar Büchern und der Aufforderung nicht zu schlafen.
Auch wenn diese Schule eine besonders gut ausgestattete Schule ist, sie soll internationale Führungskräfte für das 21ste Jahrhundert ausbilden, so ist es doch an anderen Schulen nicht anders. Es herrscht ein unglaublicher Erfolgsdruck auf diesen Schülern. Im privaten Gespräch mit einer koreanischen Lehrerin, bekam ich noch weiteren Aufschluss über die Situation. Meiner Meinung nach, ist das nicht gut. Die Kinder haben keine Zeit für freie Entwicklung, keine Zeit zum Spielen und sich ausprobieren. Es gibt nur eines: Lernen im festen Rahmen.
Die Ausstattung der Schule ist natürlich fantastisch wie wir sehen konnten: keine Tafeln sondern übergroße Touchscreens mit der Möglichkeit weltweite Videochat zu übertragen. Der Englisch-Lehrer kann somit aus den USA in den Klassenraum übertragen werden. Die Betreuung ist auch super: 8-10 Schüler pro Lehrer. Auch das Gebäude ist nagelneu. Aber ich war emotional von diesem Druck so ergriffen, dass ich nicht anders konnte, als den Schülern etwas auf ihren Weg mitzugeben. Ale Teilnehmer hatten drei Minuten ihr Land vorzustellen. Ich nutzte die drei Minuten für eine Art Rede, in denen ich Ihnen erzählte, wie das Leben auch ohne diesen ständigen Druck erfolgreich sein könne. Das Zeit zum Spielen für das freie Lernen besonders wichtig ist. Aber ob das wirklich angekommen ist, bezweifle ich.
Genügend Zeit um mich wieder zu beruhigen hatte ich dann im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Technologie. Dort wurde uns per Präsentation und vielen Diagrammen die Erfolgsgeschichte des koreanischen Bildungssystems vorgestellt. Die meisten Teilnehmer waren schon sehr müde, so auch ich. Highlight war das Geschenk des Ministeriums: Ein 4GB-USB-Stick mit Signatur.
Den Abend sind wir in ein Shoppingcenter gegangen, haben Italienisch gegessen, eine Freude für meinen Gaumen, und kamen erst spät nachts wieder ins UNESCO Peace Village zurück.
Dort sind wir auch den ganzen Mittwoch geblieben. Tagsüber gabs natürlich viele Vorträge, Aktivitäten und Gespräche, aber auch viel Arbeit für uns. Es war ein ganz gewöhnlicher Tag.

Demilitarisierte Zone – überall Soldaten

Am Donnerstag sind wir dann in die DMZ gefahren, das ist die demilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea, die sich über circa 250 Kilometer erstreckt. Dort sind wir in einen besondern Ort gefahren, der Eco-Peace-Village heißt und den Gegensatz zeigen soll, zwischen der am schwersten bewachten Grenze der Welt und der ökologischen Vielfalt, die sich dort ausbilden kann. Auf der Hinfahrt habe ich weiterhin viel mit den Teilnehmern gesprochen, aber auch ein bisschen geschlafen. Zuerst sind wir an einen Aussichtspunkt gefahren, vom dem man einen guten Überblick über die DMZ bekommen konnte. Ein Streifen von 4 Kilometer der von beiden Seiten stark bewacht wird, voller Landminen ist. Nur die Berge verhindern den Blick in den jeweils anderen Teil Koreas. Schwer vorzustellen, dass diese Grenze eines Tages fallen könnte, so wie die Berliner Mauer gefallen ist.
Um einen besseren Eindruck von der ökologischen Vielfalt in dieser fast unberührten Natur entlang der Grenze zu bekommen, sind wir quasi zwei Stunden über die wildesten Feldwege, bergauf, bergab, gehoppelt. Ich saß unglücklicherweise in der letzten Reihe des Buses und mein Magen wurde schon schwer durchgeschüttelt. Auch mein Kopf stieß manches Mal an die Decke. Einer der Teilnehmer hats gar nicht ausgehalten und sich übergeben, bei mir hätte es auch nicht mehr lange gedauert, bis es so weit war. Aber wir solten anhalten und durften einen Blick auf den Zaun werfen, die unüberwindbare Grenze. Sogar die Flüsse liefen durch eine Art Zaun durch, so dass kein Durchkommen möglich war. Höchstens ein Fisch passt durch, oder die Vögel konnten drüber fliegen. Bärfamilien hingegen entwickelten sich getrennt weiter.
Natürlich gab es überall Militär, Bilder waren verboten. Am Straßenrand gab es überall riesige Betonklötze. Im Falle einer Invasion sollten diese gesprengt werden, auf die Straße fallen und als Panzerblockade dienen.
Vielleicht ist das eine der Ursachen, warum sie ein Druck auf diesem Land lastet: Immer noch herrscht Krieg, es gibt keinen Sieger, keinen Friedensvertrag. Auch wenn das den meisten Menschen in ihrem Alltag nicht mehr bewusst wird, den meisten jungen Koreanern ist es sogar egal, weil es schon so lange her ist, aber die Ursachen für den Stress, die schlaflosen Nächte und Wettkampf liegt darin, wie ich zu erkennen glaube. Wir hatten 5 Minuten um uns den Zaun anzuschauen, danach mussten wir weitere zwei Stunden zurück hoppeln.
Die nächste Station war ein Tunnel, der von den Nordkoreanern nter die Grenze gegraben wurde. Dies ist der vierte von den Südkoreanern entdeckte Tunnel. Es war natürlich dunkel und feucht. Wir könnten mittels einer kleinen Eisenbahn circa 100 Meter in den Tunnel hineinfahren. Man sah die Löcher in der Wand für die Dynamitstangen. Auf diese Weise kamen die Nordkoreaner circa einen Meter am Tag voran. Somit haben sie an dem Tunnel circa 12 Jahre gearbeitet. 12 Jahre!
Natürlich haben die Südkoreaner jetzt den Tunnel mittels Barrieren verschlossen. Aber hier weiß keiner, ob es nicht noch viele weitere unentdeckte Tunnel gibt. Nur eines ist ziemlich sicher: Es werden keine neuen mehr gebaut: Jede Explosion oder Erschütterung des Bodens würde durch Seismographen entdeckt werden. So fühlt sich Grenze an.
Nur 5 Kilometer weiter ist Nordkorea. Unerreichbar. Ich bin gespannt, wie sich die Lage zwischen Nord- und Südkorea in den nächsten Jahrzehnten entwickelt. Gerüchteweise wurde in den koreanischen Zeitungen von der möglichen Nachfolge durch einen der Söhne Kim Jong-Il‘s gesprochen. Er ist so alt wie ich – 24 Jahre. Was für ein Führer wäre er?
Am nächsten Tag zurück im Peace-Eco-Village hatten wir Gelegenheit zu Gesprächen mit den Dorfmitgliedern. Die meisten waren geprägt von der Feldarbeit, sie hatten rauhe Züge und eine dunkle gegerbte Haut. Sie erzählten von den Kriegszeiten, aber auch von der Hoffnung der Wiedervereinigung und Frieden, die in ihren Herzen immer noch wach ist, um Gegensatz zu der jungen Generation, die aus den Dörfern nach Seoul zieht, weil dort das große Geld ruft. Nebenbei: Ich habe hier schon so viele Accountants getroffen, die alle das große Geld machen wollen. Bin ich naiv, wenn ich sie (in ihrer Masse) für naiv halte?
Abends hatte ich meiner Chefin vorgeschlagen, das Meeting vor 2 Uhr abzuschließen und uns allen, auch sich selber, einen entspannten Abend zu gönnen. Ich war wirklich todmüde und hatte gesehen, wie auch die anderen ihren Satz am Computer mittlerweile 10 Mal neu tippen mussten, weil sie keine Konzentration mehr hatten. Zu meiner freudigen Überraschung hat meine Chefin den Vorschlag sofort angenommen und umgesetzt.

Abschied nehmen

Schon vor der Hinfahrt zur DMZ mussten wir Abschied nehmen von unserem jungen amerikanischen Freund. Er ging zum Weiterstudium nach Kanada.
Ich hoffe, es gibt eine Gelegenheit ihn dort zu besuchen!
Am nächsten Tag habe ich mich auf die Abschlussveranstaltung „Farewell Party“ konzentriert. Weil ich beim vorherigen Male die Moderation schon so gut gemacht hatte, durfte ich auch heute wieder ran an den Speck! Zum Zweiten sollte ich auch eine Slideshow vorbereiten, die den Rest des Tages in Anspruch genommen hat.
Der Abschiedsabend war sehr schön. Jeder konnte noch mal ein Statement abgeben, wir haben das köstlichste koreanische Buffet gegessen, das ich je gegessen habe: Leider konnte ich nicht so viel Essen, da ich ja die Show moderieren sollte. Ich erwähne es nur so oft, weil es mir wirklich so viel Spass gemacht hat. Nach der Präsentation gab es eine Party mit DJ Foerster und der besten Musik aus den 80ern. War das ein Spass den Leuten einzuheizen.
Nach der Party gegen Mitternacht haben wir alles aufgeräumt. Uns ist aufgefallen, dass auch für uns der Abschied immer näher kommt, so haben wir Mitarbeiter uns alle zusammen auf die Bühne gesetzt und den Abend genossen. Aber nicht alle. Eine kleine verschworene extremistische Gruppe ist ins Büro zum Arbeiten verschwunden. Ich bin Ihnen gefolgt, da ich Ihnen helfen wollte, auch mal früher ins Bett zu kommen. Wir mussten noch das Abschiedspaket für die Teilnehmer vorbereiten, dazu gehört das Zertifikat, aber auch eine CD mit allen Präsentationen, Unterlagen und Bildern des Workshops, die ja natürlich erst nach der Abschiedsparty gebrannt werden konnte. Wir haben erstmal lange überlegt, wie wir das alles machen, dann sind wir in den Computerraum und haben alle Brenner nacheinander angeschmissen. Aber es hat trotzdem bis 5 Uhr morgens gedauert alle CDs zu brennen.
Als wir morgens beim ersten Sonnenschein endlich fertig waren, wollte ich mich auf den Weg ins Bett machen um noch zwei Stündchen zu Schlafen. Aber der Weg war anstrengend, so bin ich einmal auf dem Tisch im Computerraum eingeschlafen, noch einmal eine halbe Stunde auf der Couch vor dem Computerraum und zuletzt noch für eine Stunde im Zimmer gelandet.

Die Abfahrt

Morgens um 7 Uhr ging der Wecker. Ich hätte gerne weiterschlafen können, aber es gab wieder einen Haufen Arbeit. Alles musste eingepackt und aufgeräumt werden. Zuerst versucht man das ja noch organisiert. Aber als die Teilnehmer nach ihrer offiziellen Abschiedsfeier und der Überreichung der Zertifikate schon im Bus warteten, gabs kein Pardon mehr: Alles wurde wild in die Kartons geworfen und eingepackt. In dem Chaos ist mein Netzteil weggekommen. Es war nun schon der zweite Gegenstand, den ich verloren hatte, was mich dann doch geärgert hat. Anderseits hatte ich Hoffnung, dass es irgendwo in den Kartons liegt. (Ums kurz zu machen: Das Computernetzteil war in den Kartons. Am selben Abend habe ich sogar meine verloren geglaubten Schlüssel wieder gefunden).
Während der Fahrt Richtung Seoul habe ich erfolglos versucht zu schlafen. In Seoul führte uns der erste Stop nach Itaewon. Das ist ein Viertel mit vielen kleinen Häusern und dem größten Ausländeranteil in Korea. Ein sehr bunt gemischtes Völkchen lebt hier, ganz anders, als man es vom Rest des Landes gewohnt ist. Der zweite Stop war der Namsan, dort war ich dann schon zum vierten Mal. Diesmal in der Begleitung von meiner Chefin und zwei Praktikantinnen. Wir haben einen gemütlichen Café auf 300 Meter über Seoul getrunken. Zurück in der Stadt haben wir lecker gegessen und sind abends ins Hotel.
Wer glaubt, dass wir als Praktikanten und Organisatoren ins Hotel zum Schlafen gefahren sind, der hat sich getäuscht. Es folgt die verrückteste Nacht aller Nächte. Weil es auch unser letzter Abend war, sind wir zu viert in die Stadt gegangen. Später kamen noch zwei andere dazu. Wir haben bis circa 3 Uhr Bier getrunken, danach rohen Fisch gegessen und Soju getrunken und sind irgendwann um 4 Uhr nach Hause gegangen. Aber: Morgens um 5 Uhr mussten wir aufstehen, da ab dieser Zeit die ersten Teilnehmer ihr Taxi zum Flughafen nehmen sollten. Nachdem wir beide, die Programm-Organisatorin und ich natürlich verpennt haben, nur 15 Minuten, haben wir uns danach noch mal für eine Stunde hingelegt. Um 7 Uhr sind dann die nächsten vom Taxi abgeholt worden und wir sind frühstücken gegangen: Das wars dann mit Schlafen. Circa 2*1 Stunde. Der Rest des Tages war Arbeitszeit. (Ich verweise jetzt nicht auf Artikel 24 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Sie trifft hier ja nicht zu, weil wir es ja freiwillig getan haben). Nachmittags sind wir noch ein bisschen mit den Teilnehmern einkaufen gegangen, aber ich bin nur sehr müde mitgelaufen. Ich weiß nicht mehr wie, aber Montag Abend war ich wieder in meinem Zimmer und bin tod umgefallen, glaub ich. Achja, nachmittags gabs noch ein Meeting, bei dem wir uns über den Workshop austauschen konnten. Ich musste mir manchmal auf die Zunge beißen um nicht zynisch zu werden.

Mit einem Schrecken raus aus dem Bett – beruhigt, und wieder ins Bett

Dienstag konnten wir vormittags ausschlafen, was ich auch ausgiebig genutzt habe. Mittags bin ich dann ins Büro gegangen, aber es war ein wirklich schläfriges Büro. Alle hatten noch tiefe Augenringe, mich inklusive. Manche versuchten etwas zu tun, aber die Müdigkeit war zu stark. Abend gegen 21 Uhr beschlossen wir, die Arbeit einmal Arbeit sein zu lassen und aßen ein leckeres traditionelles koreanisches Abendessen (Samgyopsal, gegrilltes Fleisch mit Beilagen auf Salat), danach sind wir uns Norebang und haben uns die Müdigkeit von der Seele gebrüllt. Die Chefin teilte uns mit: Mittwoch ist frei!
Könnt ihr Euch vorstellen, das ich dann auch erstmal ordentlich ausgeschlafen habe. Doch gegen 14 Uhr erschrak ich, da ich mein Mittagessen mit dem Chef der anderen Abteilung vergessen hatte. Ich beruhigte mich irgendwie und schlief wieder ein bis Nachmittags. Ich fing später schon mal an den Bericht zu schreiben, ich hatte auch keine Lust aus meiner Höhle rauszukriechen, und sollte ihn erst am nächsten Nachmittag fertig geschrieben haben.
Heute, am Donnerstag bin ich wieder früh morgens ins Büro gekommen.  Es ist der letzte Arbeitstag meiner beiden Kolleginnen, ich bleibe noch eine Woche hier. Beim Mittagessen habe ich mich dann mit dem Chef aus der anderen Abteilung getroffen: Er hatte mich schon vor zwei Wochen zum Essen eingeladen. Wir haben über die koreanische Welt gesprochen. Danach kamen noch meinen beiden Praktika-Kolleginnen und meine Chefin dazu. Die Gedanken, die wir ausgetauscht haben, dienen als ein prima Resumé für die letzten beiden Wochen und was ich über das koreanische Leben gelernt habe.

Ein kleines Resumé – Lernen und Leben in Korea

Ich wäre ja jetzt mal sehr gespannt auf Eure Eindrücke, von dieser Arbeitsmentalität. Normalerweise würde ich ja sagen: Das ist unmenschlich, ich beende das Praktikum. Aber ich sag das nicht. Verwunderlicherweise hats mir sogar Spass gemacht. Das Team möchte ich am liebsten gar nicht verlassen. Wobei ich zugeben muss, dass ich nicht immer so arbeiten könnte. Aber ich bin schon etwas traurig, dieser Team bald zu verlassen. Jetzt bleiben mir ja nur noch 8 Tage, dann ist die Hochzeit.
Generell zur koreanischen Arbeitsmentalität. Also der Arbeitsaufwand ist immens. Die Leute arbeiten hier Tag und Nacht, das fängt schon in der Schule so an. Morgens 6 Uhr spätestens aufstehen, frühestens um Mitternacht ins Bett. Diese Leistung ist lobenswert, ich glaube sie ist eine der Gründe, warum Korea einen so starken wirtschaftlichen Sprung nach vorne gemacht hat. Aber es gibt auch viele Nachteile dieses Lebens. Mit dem ökonomischen Fortschritt sind die Menschen hier auch nicht viel glücklicher in ihrem Leben. Es herrscht so viel Wettkampf, so viel Konkurrenz: Es gibt keine Zeit zum Ausruhen, aber auch keine Zeit zum strategischen Planen, zum mentalen Vorbereiten einer Arbeit. Das führt dazu, dass einfach schnell-schnell gemacht wird (balli, balli). Doch bei Schnell-Schnell in kreativen Berufen wird man schnell mental überlastet. Man kann nicht einfach nicht schlafen und erwarten, dass die Leistung bleibt. Natürlich sind die Menschen müde, arbeiten viel langsamer und machen viel mehr Fehler. Ich hab eine Mitarbeiterin beobachtet, wie sie nachts um 3 Uhr denselben Satz 10 Mal neugeschrieben hat, weil sie sich jedesmal vertippt hatte. Oder die Freiwilligen, die alle Lese-Unterlagen ungeordnet quer über die Schreibtische des Büros verteilt haben, danach jeden Tag diese Haufen stundenlang nach den relevanten Artikeln durchsucht haben, bis mir der Kragen geplatz ist, ich angeordnet habe, den ganzen Haufen komplett in einen anderen Raum zu bringen, erst mal nach Artikel zu klammern, dann zu sortieren und danach nie wieder stundenlang Haufen zu durchsuchen. Es gab eine Art Faulheit in der Schnelligkeit, die das Ergebnis kein Stück besser machte. Ich denke, das Organisieren und Planen bis hin zur Überorganisiertheit und zur Überregelung ist eine typisch deutsche Sache, die ich hier manches mal gerne angewendet hätte. Aber es ist schwierig seine eigenen Vorstellungen hier anzuwenden, weil es dann plötzlich andere Konsequenzen hat, die völlig unerwartet sind.
Die Menschen in Korea stehen meiner Meinung nach ständig unter Strom. So wie ich es heute verstanden habe, liegt das einerseits an der Lage Koreas. Um Korea herum, wimmelt es nur so von großen Staaten, immer bereit die kleine Halbinsel zu fressen. Japan, China und Nordkorea sowieso, vielleicht auch Russland und USA, zumindest in Sachen strategischer Fragen. Viele Länder haben also ein Interesse an diesem Land, und daher stehen die Menschen so unter Druck. Viele junge Leute merken gar nicht so sehr, wo das alles her kommt. Aber ich sehe das ziemlich klar. Auch bei uns gab es eine Nachkriegsgeneration, die viel Schweiss und Blut investiert hat um das Land nach vorne zu bringen, mit Erfolg. Aber jetzt leben wir in einem friedlichen Land, abgesichert durch die EU. Kein Grund zu größeren Besorgnis.
Hier wird das Rennen dagegen noch lange nicht aufhören, solange sich die zwischenstaatliche Situation sich nicht verbessert, solange die Jugendlichen dieses Rennen mitmachen müssen und viele andere Faktoren.
Ich bin in diesem Fluss der Arbeit mitgeschwommen. Es ist ein sehr interessantes Leben, aber es ist auch sehr ermüdend. Daher bin ich wirklich dankbar für all diese Erfahrungen aus diesem kleinen Land, das nicht wirklich oft im Fokus unserer Medien steht, aber ich bin dankbar für alles, was er mich schenkt. Die Erfahrung, die Freundschaften und Kontakte in alle Länder des Asia-Pazifik-Raumes und die herzenswarme Gastfreundschaft.
Ich bin (auch) ein Koreaner. Zumindest brauche ich nicht mehr lange. 😉

Veröffentlicht von

Sascha Foerster

Sascha Foerster ist Geschäftsführer der Bonn.digital GbR, Social-Media-Berater, Community Manager, Moderator für Barcamps und Speaker bei Digital-Events.