Eine Woche in Seoul – Stadt der Gegensätze

Ich muss sagen, die erste Woche hier in Seoul war einerseits sehr aufregend, andererseits sehr langweilig. Warum? Das ist eine längere Geschichte, die ich gerne erzähle…über Motivation, über Geld und über Magie: Mein Seoul.

Sonntag habe ich meinen Bericht geschrieben, telefoniert, ausgeruht und bin den ganzen Tag nicht aus dem Zimmer gegangen. Das hat sehr gut getan, nach den vier Wochen in Gyeongju: Dort war jeden Tag volles Programm angesagt und da ich abends auch keine Gelegenheit verpassen wollte Zeit zusammen zu verbringen, ist es meistens spät geworden und mein Schlafdefizit hat bis zu diesem Sonntag gewartet. Aber mein Zimmernachbar im “Liebeszimmer”-Hotel ging immer sehr spät schlafen und wir haben auch noch lange gesprochen, so dass es bei diesem Sonntag zum Auschlafen bisher bleiben sollte. Den Rest der Woche bis gestern war ich übermüdet.
Montag früh bin ich also nach 5 Stunden Schlaf um 7 Uhr ins Büro gegangen. Was das Gebäude anging war ich schon etwas skeptisch gewesen: Es war nicht ganz, was ich erwartet hatte, obwohl ich sonst an solche Sachen vergleichsweise erwartungslos rangehe. Da ich nicht wusste, wie lange ich gehe, war ich eine Stunde zu früh da, so bin ich noch durch das Viertel Myong-dong spaziert, habe mir einen Toast mit Ei für einen Euro als Frühstück frisch zubereiten lassen, habe noch einen Blick auf den Namsan geworfen und machte mich dann auf den Weg ins Büro.

Der erste Arbeitstag

Ich war schon sehr aufgeregt, muss ich sagen. Aber die Aufregung war nicht nötig, auch hier sind alle nur Menschen, überaus freundlich noch dazu. Ich würde von einer jungen Dame empfangen, die mir mitteilte, dass meine Vorgesetzte heute nicht da sei, aber sie würde mich etwas rumführen. So zeigte sie mich kurz ein paar Leuten, wir gingen durch 4 verschiedene Büros jeweils gefüllt mit mehreren Herren und Frauen, Kim und Bak und irgendwann drehte mir der Kopf vor lauter koreanischen Namen, dass ich sie alle wieder vergessen habe! Es ist und bleibt für mich sauschwer mir diese koreanischen Namen zu merken. Aber ich finde es auch peinlich 10 mal zu fragen, deswegen habe ich sie gleich gebeten, ihren Namen aufzuschreiben, und so konnte ich dann am vormittag Namen auswendig lernen. Am Ende der Woche wusste ich noch 5 von circa 20.  🙂 Aber immerhin!
Eine Unsicherheit war der Dresscode: Vorsichtshalber habe ich mir ein Hemd angezogen, den Anzug zuerst auch, aber auf dem Weg habe ich gesehen, dass kaum einer einen kompletten Anzug an hat, vermutlich, weil es viel zu warm ist: Das konnte ich nach 5 Minuten gehen bestätigen, die anderen Leute anhand meiner dunkelblauen Ringe auf dem blauen Hemd nun auch, so beschloss ich den Rest des Weges zum Trocknen des Hemdes zu nutzen: Ohne Jackett.
Es ist schon der Wahnsinn zur Rushhour. Hunderttausende Menschen gehen zu ihrer Arbeit in einer der tausenden Hochhäuser, die hier im Stadtzentrum stehen.
Zurück ins Büro. Nach unserer kleinen Runde bei den Kollegen, von denen manche mir gleich ihre Visitenkarte zugesteckt haben, habe ich mich an einen kleinen Praktikantentisch gehockt und hatte erstmal nichts zu tun, außer  mich einzulesen. So las ich die Unterlagen für eine kommende Konferenz aufmerksam, versuchte mir schon die Namen, Orte und Terminplanung zu merken, las die Internetseite und versuchte viele Informationen zu bekommen. Mittags hat mich die Kollegin zum Essen im Pizza Hut eingeladen. Eine Pizza kostet hier soviel wie sonst 4 Mal koreanisches Mittagessen. Ich hatte schon Angst, dass ich jetzt jeden Mittag so Essen gehen müsste, dann wäre ich ja schnell Pleite gewesen! Ich habe dann auch ganz vorsichtig meine Pizza ausgewählt, mir würde schon übel vom Preis, aber ganz zum Schluss merkt sie an, dass sie mich einlädt, nachdem ich mich die ganze Pizza über mit den Gedanken geqüalt habe, wie ich das jetzt die nächsten Tage machen soll. Irgendwie war ich erleichtert, irgendwie war ich fertig mit den Nerven und dem Essen.
Nachmittags habe ich das gleiche gemacht wie vormittags: Gelesen. So war der erste Tag vergleichsweise langweilig, weil ich nicht wirklich was zu tun hatte, andererseits sehr aufregend, weil ich in einer völlig neuen Umgebung war. Koreanisches Arbeiten funktioniert ja vielleicht anders?
Somit habe ich mir vorgenommen, mich erstmal zu akklimatisieren, die Menschen hier kennen zu lernen und erst langsam mit der Arbeit anzufangen, zumindest kann ich mich schon mental vorbereiten, auf das was kommt.
Abends nach der Arbeit habe ich die kleine Cousine meines koreanischen Kumpels getroffen. Wir haben Galbi gegessen (Rippchen), danach Eis vom kalten Stein und zuletzt Bier in einer japanischen Bar. Das war ein sehr schöner Abschluss für einen ruhigen ersten Arbeitstag.

Tag zwei – einerlei, aber auch ein neues Zimmer

Am zweiten Tag war ich schon etwas entspannter, auch meine Chefin war da, was mich erleichtert hat. Sie hat mich sehr freundlich empfangen, sich viel Zeit für mich genommen, hat mich noch ein zweites Mal rumgeführt, wir sind auch kurz beim Direktor reingegangen, der sich 5 Minuten seiner Zeit für mich genommen hat.
Im Büro habe ich dann auch die anderen Praktikanten nach und nach kennen gelernt. Es gibt sehr viele, wie ich feststelle. Quasi ein Drittel Praktis, ein Drittel Angestellte für wenige Monate und der Rest sind Festangestellte. So pi mal Daumen. (Dass ich am Dienstag auch keine weiteren Aufgaben bekommen habe, auch nach mehrmaligen Nachfragen nicht, und stattdessen meine Internetseite zweisprachig gemacht habe, darf man natürlich in so einem öffentlichen Blog nicht erwähnen, vor allem wegen der zukünftigen Arbeitnehmer und wegen des schlechten Eindrucks den man damit erweckt. Deswegen tue ich das auch nicht. Aber ich finds menschlich so zu handeln, vor allem beim zweiten Tag ohne wirkliche Aufgabe. Und natürlich habe ich mich auch weiterhin eingelesen und versucht Namen der Mitarbeiter zu lernen! 🙂 Aus dem gleichen Grund erwähne ich auch den Namen meines Praktikums nicht, auch wenn es keine Kunst sein wird, herauszufinden wo ich bin, wenn man das wirklich wissen will. Braucht man mich ja wirklich nur zu fragen.  🙂 Vielleicht schreibe ich es aus versehen ja auch mal in den Blog! 😉
Am Abend habe ich versucht mein zukünftiges Zimmer ausfindig zu  machen. Im Liebeszimmer-Hotel wollte ich ja nicht ewig bleiben. Erst Recht nicht bei dem Nachtwächter, der mich einfach angelogen hatte. Sonntag hatte ich ein Bügeleisen benutzt, Montag “gab” es keins mehr, seiner Aussage nach. Dienstag hat mir die Chefin im Haus wieder eins gegeben. Gleiches Spiel gabs beim Internetzugang oder beim Zimmerschlüssel. Immer gab es Theater und er brach meine Frage ab mit der Antwort: Gibt es nicht. Punkt!
Somit war ich froh, dass ich einen Tipp bekommen hatte, wo ich in Seoul nun länger bleiben könnte. Der Bruder der Verlobten meines koreanischen Kumpels hatte mir eine Adresse genannt, dort hatte ich schon ein Zimmer reserviert und dafür eine Summe Geld überwiesen. Aber ich ahnte, dass es komplizierter werden würde. Erstmal gab es niemanden an der Pforte. Das ließ sich schnell lösen. Leider beschränkten sich die Englischkenntnisse meines Vermieters auf “Ok”, das er jedesmal mit einem freundlichen Lächeln verband, das mir aber zeigte, dass er kein Wort meiner ernsten Frage verstanden hat. So zeigte er mir erstmal ein paar Zimmer. Die waren nun wirklich winzig, mit winzig meine ich circa 4-5 Quadratmeter für 230 Euro im Monat. Nur Bett und ein Tisch mit Stuhl. Kein Fenster. Im Gefängnis gibts sogar ne warme Mahlzeit dazu und es ist kostenlos. Ich war aber darauf vorbereitet, deswegen habe ich lieber für 300 Euro ein Zimmer mit Dusche, Toilette, Fernseher und Kühlschrank reserviert. Aber wie sagt man noch mal “Ich habe reserviert” auf Koreanisch…
nachdem ich alle freien Zimmer gesehen hatte, und kein größeres dabei war, wäre ich fast verzweifelt. In so eine kleine stinkende und lärmende Höhle sollte ich mich jetzt verkriechen. Na gut. Aber dann griff der Vermieter zum Telefon, er erinnerte sich wohl: Fragte nach meiner Nationalität und schon lief es wie am Schnürchen: Er sagte: Ah!!! Und ich sagte: “Ok” und grinste dämlich…
Neuer Schlüssel, neues Glück: Eine Etage höher sollte es sein, neue Möglichkeiten taten sich auf: Und siehe da: Das beste Zimmer des Hauses, quasi die Suite, geräumige 8 Quadrat, mit Mini-Kühlschrank, Fernseh und Bad. Ich grinste noch dämlicher und sagte “Ok” Ok!!!” Glück ist so relativ! Wieder unten im Büro gab ich ihm das Geld für einen Monat, etwas weniger als 300 Euro, unterschrieb den Vertrag, von dem ich nur 5 Worte verstanden habe (irgendwas mit bitte im Zimmer keine wilden Parties mit mehr als 50 Gästen oder so) und schön hatte ich eine wundervolle Bleibe. Es gab auf dieser Etage sogar eine Waschmaschine und eine kleine Küche. Dort gibt es Reis, Nudeln und Kimchi soviel ich möchte: Kostenlos. Naja, in einer Woche habe ich davon noch keinen Happen gegessen.
Spät Abends bin ich dann wieder ins Motel “Liebeszimmer” zurück, indem mein Mitbewohner schon sehnsüchtig auf mich gewartet hat: Wir sind um Mitternacht noch zum Abschied Essen gegangen in unsere Stammkneipe: Er aß das gleiche wie an den 4 vorherigen Tagen. 🙂

Lektionen in Arbeitsmotivation: Praktikum ,Tag 3

Mittwoch morgen haben wir uns vor seiner Abreise Richtung Heimat verabschiedet. Ich habe mir meinen schweren Backpack geschnappt und bin zu meinem paradiesischen Zimmer gegangen.
Auf der Arbeit war Mittwoch leider immer noch nicht besser als die beiden Tage zuvor. Vielleicht liegt es auch an etwas anderem: Büroarbeit, d.h. die Notwendigkeit für seine Arbeit den ganzen Tag auf dem gleichen Fleck hocken zu müssen, ja das macht mich erstens müde, so dass ich nachmittags regelmässig beim Lesen eingeschlafen bin. Zweitens demotiviert es mich. Drittens macht es mich dumm. Mein Studentenleben ist dagegen so viel abwechslungsreicher, zumindest stehe ich alle 1,5 Stunden einmal auf und kann 10 Minuten herum gehen! Hier wollte ich Abends nur noch ins Bett, Fernseh gucken und meine Ruhe haben. Wen interessiert schon Politik, die Welt und was sonst noch so schief läuft. Ah, Comedy-Channel: GEIL!
Sicher ist, so will und kann ich nicht produktiv sein. Ich machte mir Gedanken zu Arbeitsmotivation, wie ungenutztes Potential in den Büros der Welt wegschlummert: Ich bin viel lieber Arbeitsnomade, so wie mich mein Chef zu Hause das machen lässt. Es gibt eine Aufgabe, ich erledige sie. Mit dem Laptop im Café oder vom Handy in der Bahn. Egal wo ich bin, Hauptsache, es ist schnell und ordentlich erledigt . Natürlich komme ich auch da ins Büro zumindest einmal die Woche, man will ja auch seine Kollegen noch sehen. 🙂 Wissenschaftlich ist es auch belegt, zumindest bei kreativen Berufen, dass dies die beste Arbeitsbedingungen sind: Schönes Video dazu bei TED:

http://www.ted.com/talks/dan_pink_on_motivation.html

Ich kann das mit meiner empirischen Einzelfallstudie bestätigen. Anderseits ich bin nur ein kleiner Praktikant, von mir verlangt meine keine großen kreativen Leistungen. Naja, bisher hat man noch gar nichts verlangt, nur gesagt, dass sich das ändern wird, sobald die Konferenz nächste Woche anfängt. Ich freue mich drauf!
Das beste in den ersten Tagen war es die Menschen kennen zu lernen. So sind wir am Mittwoch nach der Arbeit zusammen Essen gegangen (ich hab bis hierhin noch kein Essen selbst bezahlt) und haben uns in lockerer Atmosphäre kennen lernen können. Ich genieße es, wenn ich frei und offen den Arbeitskollegen gegenüber sein kann. Dieser Abend hat da schon einiges zum positiven geändert.

Plötzlich viel Arbeit und der Tiefpunkt meiner Stimmung

Donnerstag gabs es dann zu Belohnung auch gleich Arbeit, was mich gefreut hat. Leider sind beide Kolleginnen auf die Idee gekommen, mir gleichzeitig Tagesaufgaben zu geben, weswegen ich nachgefragt habe, ob es eine Deadline gebe, da ich jetzt von beiden Aufgaben hätte und ich wissen will, welche dringender ist. Mich hat eine Kollegin wohl falsch verstanden, sie meinte, diese Woche wäre es nicht so schlimm, aber ab nächste Woche gehe die Arbeit richtig los. Da war ich ja etwas baff, vielleicht hat sie ja Recht, ich habe ja wirklich nicht so viel getan, und jetzt wenn plötzlich viel zu tun ist, beschwere ich mich quasi, aber so war das ja gar nicht gemeint! 🙂 Ich wollte ja arbeiten, aber muss ja wissen, was wichtiger ist, bevor ich anfange. Somit hatte ich bis Freitagmittag genug zu tun, habe mir auch Mühe gegeben ein schönes Produkt abzugeben, was nicht immer ganz einfach ist, wenn mir entweder auf meinem Computer die Programme fehlen, oder sie auf deren Computer auf Koreanisch installiert sind. Bei Windoof kann man ja nicht (wie bei Linux z.B.) einfach mal eben die Sprache des Betriebssystems und der Prgramme umstellen. Aber mit etwas Zeit habe ich auch die koreanischen Befehle gelernt und den Computer einigermassen bedienen können. Ich glaube, demnächst schreibe ich in meinem Lebenslauf, ich beherrsche Computer auch auf Koreanisch, wenns sein muss sogar blind.
Freitagmittag war ich dermassen in meine Arbeit vertieft, dass ich gar nicht mitbekommen habe, dass es schon Viertel nach Zwölf war, und alle Mitarbeiter um 12 Uhr in die Stadt Essen gegangen sind. Das war insofern außergewöhnlich, da sie mich sonst immer mitgenommen haben: Ja ich habe nicht einmal bezahlt diese Woche. Und nun hat mich keiner mehr lieb? 😉
Aber vor dem Aufzug treffe ich doch noch zwei Kolleginnen, die noch im “Schönmach-Raum” waren, wie man auf Koreanisch sagt. Aber am Ausgang des Hauses, nachdem sie sich erkundigt haben, wie meine Arbeit so ist, entschuldigten sie sich mit einer Verabredung und waren weg. So war ich Freitagmittag auf meinem Tiefpunkt, schlenderte durch die Einkaufsstraßen von Myeong-dong, hörte die Musik aus den Geschäften dröhnen, fühlte mich hungrig, etwas alleine in dieser großen Stadt und meiner einzigen Freude bei der Arbeit beraubt: Das gemeinsame Mittagessen, bei dem man sich austauschen konnte über die Welt, über Korea, was einem gerade auf dem Herzen lag. Das Gespräch mit den Menschen finde ich so wichtig, sonst könnte mich wirklich ein Roboter ersetzen.
Ich hatte keine Lust etwas zu Essen, trotzdem bin ich in ein Lokal gegangen, habe etwas neues ausprobiert, was nicht so super geschmeckt hat. Also man merkt mir ja schon an, ich fand das total kacke, das alle weggegangen sind ohne Bescheid zu sagen und ich fragte mich, woran das liegt.

Die Wende zum Guten: Ein spannender Nachmittag und Abend

Als ich um 13:30 Uhr wieder im Büro war, habe ich bis circa 14:40 meine Arbeit beendigt, sie meiner Chefin gezeigt, die noch ein paar Korrekturen haben wollte. Als ich diese Korrekturen gerade einarbeiten wollte, rief mich die Abteilungsleiterin zu sich, ich solle schnell meine Sachen packen, der Direktor warte schon am Aufzug. Ich fragte mich was jetzt los ist, gab meiner Chefin noch schnell die unfertige Datei und packte meine Sachen so schnell ich konnte zusammen. Ich ahnte, endlich würde etwas passieren. Die Abteilungsleiterin, der Direktor und ich fuhren mit dem Aufzug nach unten. Ich kramte mein Hemd noch mal schnell in die Hose und versuchte ordentlich auszusehen. Die Abteilungsleiterin klärte mich auf: Wir sollten zu einer Abschlussveranstaltung fahren. Es gab 10 Stipendiaten aus Afrika, die jetzt zwei Monate in Korea weitergebildet wurden und diese sollten jetzt mit großem Abendessen verabschiedet werden. Das war eine schöne Überraschung!
Endlich konnte ich mit dem Direktor ein bißchen quatschen, ebenso mit der Abteilungsleiterin. Irgendwo an einem Parkplatz sind wir in ein dickes Auto eingestiegen, der Chauffeur öffnete die Tür für den Direktor und die Dame, ich nahm vorne im Auto Platz. Erst war ich sehr still und lauschte dem Koreanischen Gespräch, beobachte vor allem wo wir hinfahren. Es war sehr schön mit der Limousine des Chefs zwischen den Wolkenkratzern zu fahren, mitten aus dem Geschäftsviertel über den riesigen Han-Fluss hinüber in ein mir unbekanntes Stadtviertel. Mir rasten Fragen durch den Kopf, die ich sofort wieder verwarf, weil ich dachte, das wären vielleicht unhöfliche Fragen. Nach mehreren Minuten habe ich dann doch einfach frei losgefragt, und ich habe interessante Antworten bekommen.   Wie wird man Direktor? (Er hat Ozeanologie studiert! Hat nichts zu tun, mit dem was er heute macht!) Was macht ein Direktor so den ganzen Tag? (Sich mit dem Auto zu Geschäftsessen fahren lassen? Ja sehr oft! Aber auch managen und Geld für Projekte sammeln! Also auch hier das liebe Geld!) Kann man die Ideale, die ihre Organisation vertritt, auch in Wirklichkeit umsetzten? (Man muss es versuchen, es gibt auch Erfolge!) Und noch viele andere Fragen, die mich mir auf dem Herz brannten. Es war sehr locker, wir lachten auch viel, ich gab ein bißchen von meinem begrenzten Koreanisch zum Besten und erntete Erstaunen, wieviel ich in dieser kurzen Zeit doch gelernt hätte.
Ich genoss die Fahrt über die Autobahn, der Chauffeur fuhr sehr gekonnt um die anderen Autos herum, rechts und links, wo eben Platz war: Macht den Weg frei für den Direktor! Hier ist ein Mann mit Mission. *lach*
Wir fuhren in ein Regierungsgebäude für internationale Zusammenarbeit. Dort sah man verschiedene Menschen aus allen Kulturen, ein Araber, der in der Eingangshalle Zeitung las, ein paar koreanische Beamten, einen Deutschen mit ziemlich zerzausten Haaren im Spiegel des Aufzugs (Ja, ich) und später etwa 10 Afrikaner, die im Vergleich zu den kleinen Koreanern sehr stämmig wirkten. Insbesondere ein Mann aus Senegal beeindruckte mich sehr: Seine tiefe Stimme, sein markantes Gesicht. Der Hammer. Sie saßen in einem kleinen Klassenzimmer und füllten gerade Bögen aus, in dem sie Feedback für die Zeit in Korea gaben. Danach gab es eine kleine Stegreifrede des Direktors und einiger anderer Personen, dann viel Applaus, Urkunden für die Teilnehmer und Geschenke für die Organisatoren.
In kurzen Gesprächen lernte ich verschiedene Menschen kennen, aus Ländern, von denen ich so gut wie nichts weiß. Senegal, Kongo, Guinea-Bissau. Ich erfuhr, dass die Menschen in Guinea-Bissau sehr freundlich und sehr gut sind und dass der Mann aus Senegal im dortigen Bildungsministerium als Weiterbildner für Lehrer arbeitet. Erst am Abend beim Surfen auf Wikipedia habe ich gesehen, dass diese beiden Länder auf dem Human Development Index den letzten Platz (Senegal) und drittletzten Platz belegen. Dieser Index soll anzeigen, wie entwickelt diese Länder sind. Insbesondere Bildung ist dort ein riesiges Problem: Damit sind keine hochtrabenden Studien gemeint: Es geht im Grunde um so Basisdinge wie Alphabetisierung. Große Teile der Bevölkerung können nicht lesen. Unvorstellbar in dieser, meiner heimischen Welt.
Abends gingen wir alle in ein ganz besonderes koreanisches Restaurant essen. Dort gab es das ursprünglich tradtionelle Essen, alles nur biologisch angebaut und köstlichst zubereitet. Es gab so viele interessante Eindrücke: Kulinarisch, als auch Menschlich. Dieser Abend hat die ganze Langeweile der Woche bezahlt gemacht. Ich habe auch einen jungen Koreaner kennen gelernt, der mir gerne Unterricht geben möchte, was mich außerordentlich freut! Auch mit den anderen Praktikanten ist eine Art Wir-Gefühl entstanden, was ganz wichtig ist für die Zusammenarbeit in den nächsten Wochen, wie viel zu tun sein wird, wenn unsere Konferenz stattfindet. Es kommen Menschen aus dem ganzen Asia-Pazifik-Raum zusammen. Von Iran, über Afghanistan, Kirgistan bis Burma, aber auch Australien und Palau sind dabei. Palau ist eine so kleine Insel und von dort wird sogar der Bildungsminister kommen (ein Freund scherzte, dass er wahrscheinlich auch noch der einzige Dorflehrer ist, was gar nicht so weit weg von der Wahrheit sein wird. 🙂
Samstagabend war es wieder spät, aber ich war sehr zufrieden. Die interessanten Gespräche gingen mir noch durch den Kopf, bis ich spät nachts schlafen gegangen bin.

Die Macht des Geldes und die Verantwortung der Menschen, die diese Macht haben

Das war der eine Gegensatz, den ich meinte: zwischen langweilig und spannend. Aber den nächsten Gegensatz durfte ich am schon Samstag sehen. Es war ein Gegensatz, der mich sehr berührt hat und mich über die Macht des Geldes hat nachdenken lassen, über Verantwortung der Reichen und sonst noch so einiges, wie unsere Welt so funktioniert.
Samstag hatte ich mich nachmittags mit einem Mädchen aus dem Sprachkurs verabredet um zum traditionellen Flohmarkt zu gehen. Da wir den Weg nicht gleich gefunden haben, sind wir zuerst etwas durch ein Viertel geirrt. Wir sahen einen Bus, der als Wohnung umgerüstet war. Als ich ein Foto machen wollte, weil ich das so interessant fand, kam ein Motorrad mit koreanischer Flagge herbei, stellte sich vor mich und rief auf Koreanisch wütend ich solle kein Bild machen und weggehen. Das war schon sehr unheimlich, so sagte ich nur “Verstanden und wir gingen weiter. Erst beim weitergehen fiel uns auf, dass wir in ein Viertel gekommen sind, das quasi unbewohnt war. Das klingt noch milde. Es sah aus, als wäre Krieg ausgebrochen. Überall kaputte Häuser, eingestürzt, zerstört oder nur noch Keller, die jetzt offen standen, weil gar kein Haus mehr drauf stand. Baugerüste mit Wolldecken, um mindestens einen Teil des Grauens zu verstecken.

Aber an manchen Straßenecken, sah man noch ein Restaurant, das lief, aber die meisten sahen so aus, als waren die Leute von heute auf morgen weggegangen, jemand hat vielleicht noch darin randaliert. An einer anderen Straßenecken gab es ein Auto mit Lautsprechern, es wurde Musik gespielt, die Mut machen sollte, aber auch welche, die sehr traurig klang. Die Gruppe trug Westen mit einer Schnecke drauf. Ich vermute, sie protestierten, aber wogegen und warum, das habe ich nicht verstanden. Ich fragte mich, was in diesem Viertel denn los sei. Ich traute mich kaum Bilder zu schießen, auch Leute fragen schien mir aufgrund der schlechten Englischkenntnisse und der Peinlichkeit der Verhältnisse schlecht möglich. Wir sind bestimmt 20 Minuten zu Fuß gegangen, und das Grauen kannte kein Ende. Bis ich erkannte, dass an einer Kreuzung, alles wieder normal aussah. Die Geschäfte belebt, die Straße von vielen Autos befahren, die Häuser alt und klein, aber intakt. Als wir in die Kreuzung rechts einbogen wurde mir mit einem Schlag klar, was hier passiert. Ich sah circa 9 riesige Hochhäuser der Lotte-Firma, eine der riesigen Familienunternehmen in Korea, Chaebol genannt. Es waren Lotte-Castle, also Appartment-Hochhäuser für die gehobene Mittelklasse bis hin zu den Reichen, die direkt an das eben genannte Viertel angrenzten. Sie Türme hatten sicherlich 50 Etagen, wohingegen die kleinen Häuschen nur zwei bis drei Etagen hatten. Wir folgten der Straße in Richtung Lotte-Caste. Auf der linken Seite der Straße war das Leben normal, aber auf der rechten standen die Häuser zerstört und leer. Nur einzelne Geschäfte waren noch offen, ein Motorradgeschäft, ein Eisenwarenhändler, alles harte Jungs.
Es war offensichtlich was hier passiert: Ein ganzes Viertel, mit seinen Menschen, mit seinen Geschichten, Kinder wurden geboren, Alte sind gestorben: Ein Viertel wird zur Geschichte gemacht: Mit Geld, notfalls auch mit Gewalt. Es gibt Menschen, die jedes Geld nehmen, weil sie nichts haben: Diese ziehen weg, ich weiß nicht wohin. Und es gibt die, die sich nicht vertreiben lassen. Für kein Geld der Welt. Sie hängen an ihrer Heimat. Jahre ihres Lebens haben sie in den GEschäften dort verbracht, und nun müssen sie weichen. Für weitere Lotte-Castle. Ist das gerecht? Ist es menschenwürdig? Es zu tun? Es nicht zu tun? Muss man Platz für den Fortschritt machen um einer Gesellschaft Wohlstand zu ermöglichen? Oder muss die Gesellschaft Platz für den Fortschritt des Wohlstands weniger machen?
Gegen die Macht des Geldes einer solchen riesigen Firma kann ein einzelner höchstens ein kleiner Stachel im Fleisch eines riesen Sein. Eine Chance hat er nicht. Was nicht so leicht ersichtlich ist, in dieser Situation, ist, ob die große Firma auch die Verantwortung für diese Menschen übernimmt, oder nur ihre eigenen Profitinteressen verfolgt. Nicht alles werde ich hier schreiben können, aber es ist ein Thema, das es wert es drüber nachzudenken! Es ist Ethik, aber es ist auch Politik! Es ist das Leben des einfachen Menschen, aber es geht auch um einen abstrakten Gegenstand, Geld, der sich auf die Realität auswirkt.
Auch heute bin ich sehr erstaunt, über das was ich gesehen habe, so hätte ich das nicht erwartet.
Nachdem wir einige Stunden durch das Viertel gewandert sind, haben wir den Flohmarkt doch noch gefunden. Das Geld saß mir fest in der Tasche und wollte nicht fließen, vor lauter Gegenständen, die ich sah, wurde mir ganz schwindelig, vielleicht auch ob der vorherigen Eindrücke. Erst als ich mich hinsetzte, mich entschied hier und heute ein paar Mitbringsel zu kaufen und ich das erste Geschäft abgeschlossen habe, floss das Geld und es floss so leicht, dass ich das Budget meiner Woche an einem Nachmittag ausgegeben hatte. Aber es sind viele schöne Sachen dabei!

Der Namsan – ein Ort voller Magie und persönlicher Bezüge

Heute sind wir zu Viert auf den Namsan gewandert. Der Namsan steht quasi mitten in Seoul, auf seiner Spitze steht ein Fernsehturm. Dieser Berg hat schon eine magische Bedeutung für mich. Vor genau einem Jahr habe ich mich dort von Korea verabschiedet. Die Sonne ging im Westen unter, während der Mond im Osten aufging. Die Skyline der Stadt und leuchtete im Norden, das Bild wurde gesäumt von den Bergketten um Seoul.  Ein magischer Abend, der mir unglaublich viel bedeutet: Er war die Erfüllung eines Traums, er war voller Wärme, die Wärme und das Glück, das mir Korea immer geschenkt hat. Korea hat mir jeden meiner Träume, selbst die unbewussten, erfüllt. Letztes Jahr hätte ich nicht geglaubt hier wieder zurückzukehren, ein Jahr später.
In Deutschland zieht mein koreanischer Kumpel heute aus unserer Wohnung aus, ein anderer Kumpel zieht ein. Heute ist auch die Hochzeit einer der koreanischen Krankenschwestern. Heute sind Wahlen in Japan und in einigen Bundesländern von Deutschland, und vor 70 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Heute ist ein besonderer Tag. Für diesen besonderen Tag ist Namsan der richtige Ort.

Noch mehr Bilder gibts in der Bildergalerie.

Veröffentlicht von

Sascha Foerster

Sascha Foerster ist Geschäftsführer der Bonn.digital GbR, Social-Media-Berater, Community Manager, Moderator für Barcamps und Speaker bei Digital-Events.