Viel Kultur und noch mehr Sprache

Ich bin eingelebt, genieße die schönen Veranstaltungen, sauge die Sprache in mich auf, lasse mir das Essen schmecken und bin meistens müde, weil die Nacht immer zu kurz ist. Ich denke aber auch an zu Hause und vieles andere. Ein Weg, der wegführt, kann auch ein Weg zu sich selber sein.

 

Der Abend nach der Grünteezeremonie verlief noch sehr bunt. Zuerst sind wir an den Anapji-Teich (sprich: Annapschi) gefahren. Dort stand der Sommerpalast der Shilla-Könige, der 674 gebaut wurde. In den Teichen daneben wuchsen sehr viele Lotusblumen, die gerade in voller Pracht blühten. Es war sehr schön anzusehen.
Der Donnerstag stand im Zeichen des Lernens. Vormittags hatten wir Sprachkurs. Unsere Lehrerin ist  wirklich fantastisch, weil sie sich erstens genau auf unser Niveau eingestimmt hat, aber trotzdem auf jeden einzeln eingeht. Und dabei motiviert sie uns alle durch kleine Spiele und koreanische Leckereien, die sie uns mitbringt. Der Nachmittagskurs sollte diesmal die koreanische Geschichte abreißen. Das meiste kannte ich im Prinzip schon: Japan hat die Koreaner schon immer geärgert und angegriffen, die Gründe sind mir noch nicht ganz klar, und das werde ich auch noch genauer hinterfragen. Aber meistens bin ich eingenickt, einerseits weil ich müde war, andererseits, weil der Kurs ein bißchen unorganisiert war. Die Materialien waren auch nicht ganz so gut vorbereitet. Aber ich darf auch nicht zu sehr lästern. Am kommenden Donnerstag halte ich selber Referat über die Insel Dokdo und da muss ich selber erstmal was besseres bieten.
Nach dem trockenen Unterrichtstag wollten wir den Abend etwas feuchtfröhlicher gestalten:
Wir haben Sam-gyop-sal gegessen, dabei steht ein kleiner Steingrill auf dem Tisch, es gibt Bauchfleisch, das kleingeschnitten wird, viele Beilagen und Salatblätter. In seine Hand legt man dann ein Salatblatt, darauf das Fleisch und ein paar Beilagen. Es hat allen sehr gut geschmeckt! Gesungen haben wir danach mit viel Soju und Maekchu (Schnaps und Bier) im Norebang (Singzimmer, d.h. Karaokebar). Ich habe mich schon sehr auf das Norebang gefreut, vor allem, da die meisten anderen diese Art des Vergnügens noch nicht kannten. Aber kaum waren wir in unserem Privatzimmer mit Karaokeanlage, hab ich mir das Mikro geschnappt und losgesungen, bis mir nach dem 6 Lied, das ich mitgebrüllt habe, die Stimme wegblieb. Wichtig war, das alle das Prinzip verstanden haben und Spass hatten. Wir hatten auch zwei koreanische Jungs dabei, die wirklich sehr gut sangen, und mir danach auf einer Dachterasse von ihrem Leben in Korea, der Uni und ihren Beziehungen erzählten. Vom Äußeren waren sie wilde Kerle, aber in ihren Herzen waren sie sehr idealistisch, ja sogar romantisch veranlagt. Das hätte ich so nicht von Ihnen erwartet. Koreaner scheinen mir eh auf eine Art und Weise ein interessantes Bild der Liebe zu haben. Um das genauer spüren zu können, müsste ich die Sprache besser verstehen, damit ich Filme schauen und Musik hören könnte. Auf jeden Fall kommt in 99 % der Lieder “sarang” vor, was Liebe heißt. Und im Fernsehen sieht man am liebsten Dramas mit viel Herzschmerz, was man meist schon den Gesichtszügen entnehmen kann.
Freitag war doch etwas besinnlicher, im Vergleich zum Vorabend. Wir sind nach Bul-guk-sa gefahren, das bedeuet “Buddhas-Land”-Kloster. Dieses Kloster war eines der schönsten und außergewöhnlichsten, die ich bisher gesehen habe. Weil es dort so viele wichtige Kulturschätze gibt, gehört es auch zum UNESCO-Weltkulturerbe. Zum Beispiel gab es dort ein Gebäude, das mindestens 700 Jahre alt ist und ohne Nägel gebaut wurde. Alleine durch das Zusammenstecken der Hölzer hält die Konstruktion. Kein Fleck im gesamten Tempel ist ohne Farbe. Alles ist prächtig angemalt. Und natürlich gibt es die großen Buddha-Figuren und Räucherstäbchen in der Luft. Dazu hört man von vorne das rhythmische und regelmässige Klopfen der buddhistischen Trommeln. Diese Atmosphäre kann man kaum durch Worte oder Bilder mitteilen.
Nicht weit vom Kloster gab es eine Grotte, die einen großen Steinbudda beherbergt. Diese Höhle wurde aus Granitsteinen aufgebaut, die mit einer unglaublichen Präzision aufgestellt wurden, so dass die Höhle nicht einstürzt. Ich bin immer wieder erstaunt, wie weit doch die Kulturen der Welt schon vor hunderten von Jahren entwickelt waren! Fantastisch!
Samstag haben wir uns anschauen dürfen, wie man in Korea die Eltern ehrt. Dazu hat uns eine koreanische Tourismusorganisation eingeladen, die uns danach auch viele typische Süßgkeiten zum probieren gegeben hat. Lecker!
Aber heute war der bisher beste Tag, finde ich: Auf so kleinen Freundschaftsfragebögen findet man ja oft die Frage, was man mehr mag: Berg oder Strand. Heute hatte ich beides und das war wahrlich genial!
Morgens sind wir mit dem Bus zum Namsan gefahren. Der gesamte Berg ist Weltkulturerbe, weil dort überall verschiedene Buddhas in Stein gehauen sind, aber er ist auch so einfach wunderschön! Beim Aufsteigen haben wir die Natur entdeckt, immer wieder kleine Bergflüsse, die unseren Weg kreuzten und an denen Menschen die kleinen Steintürme aufgestellt haben. Der Aufstieg war anstrengend, aber selbst unsere fast 70jährige Leiterin ist mehr als die Hälfte des Berges mitgegangen. Beachtlich! Ich hoffe, dass ich mit 70 auch noch so fit bin!
Nicht ganz oben gab es eine kleine Baustelle, man hört aber auch die buddhistische Trommel und wir ahnten schon dort stand ein kleiner Tempel, zu dem auch ein weiteres Haus gebaut werden sollte. Zu unserer aller Überraschung trafen wir dort eine Ungarin, hübsche blaue Augen, grauen Mönchsanzug, einen Strohhut unter dem nur Haarstoppeln waren, die uns sehr herzlich begrüßte und über unseren Besuch erfreut war. Sie erzählte, dass seit sieben Jahren in Korea lebt und seit einem halben Jahr in dieser Hütte auf dem Berg, als buddhistische Zen-Nonne. Wir wären gerne länger geblieben um uns mit ihr noch ein wenig zu unterhalten, aber leider war unser Reiseführer sehr schnell wieder runter, obwohl wir keinen wirklichen Zeitdruck hatten. Ich wünschte mir eines Tages an diesen Ort zurückzukehren, und wie ich mich kenne, wird auch dieser Wunsch wahr werden.
Am Nachmittag bin ich mit der Familie aus der Eifel zum Strand gefahren. Die Koreaner sind schon verrückt. Erstens kann hier kaum einer schwimmen, weswegen fast alle Rettungswesten tragen, sogar im Schwimmbad. Zweitens gibt es hier sowas wie Bademode nicht. Die Leute gehen mit Klamotten ins Meer, aus welchen Gründen auch immer: Sonnenschutz, damit die Haut weiß bleibt, was ja das Schönheitsideal ist, Schüchternheit vor zu viel nackter Haut, oder einfach keine Ahnung. Ich weiß es leider auch nicht, aber es war schon komisch, das zu sehen. Die Tochter hat sich nicht viel drum gekümmert und ihren Bikini zur Schau gestellt. Später hat man aber auch noch ein oder zwei Koreanerinnen gesehen, die das gleiche taten, womit man sich gleicher weniger unwohl gefühlt hat.
Nach diesem Berg und Strand-Tag bin ich geschafft, und werde mich jetzt ins Bettchen schleichen. Klar ist ja, mir gehts gut hier, das Wetter ist noch immer super angenehm (auch wenn die Koreaner immer die Klimaanlage anmachen, noch bei 15 Grad Außentemperatur und offenem Fenster). Natürlich denke ich auch an die Daheim gebliebenen und freue mich über Eure Nachrichten!