Zu Hause – Dankbarer Rückblick auf eine lohnenswerte Reise

Jetzt sitze ich wieder in meinem Lieblingscafé im Caféleven in der Nassestrasse. Ich bin zu Hause. Wie es so bei Reisen ist, lernt man nicht nur über das Land in das man reist, sondern viel mehr über seine eigene Heimat. Ein schönes Beispiel, dass mir heute beim Gespräch mit einer Freundin aufgefallen ist: Wieviel verschiedene Möglichkeiten der Tickets es in der Bahn gibt. In Korea (oder Mexiko) gibt es im Regionalverkehr genau ein Ticket, ein Preis. Egal ob eine Station oder zehn. Egal ob  Fahrrad, Oma, Kind oder Rollstuhlfahrer mit Bonn-Ausweis. Deutsche Genauigkeit. Oder die Formen der menschlichen Beziehungen. Vieles davon kann man einfach nicht erklären, was für ein Gefühl das ist, wenn man in eine deutsche Disko geht. Es ist anders, ich vermisse eine Wärme zwischen den Menschen, es ist alles so subtil hier. Aber man kann es nicht wirklich erklären. Es ist auch nicht, dass ich sagen möchte, es ist schlechter hier, und alles besser dort. Überhaupt nicht. Aber es ist gut und wichtig zu erkennen, welche Möglichkeiten es gibt.  Von meinen letzten Tagen in Korea gibt es auch noch einiges zu erzählen, denn ein Tag war traumhafter, wirklich wie Träume sich anfühlen, als der andere. Der Abschied von meiner koreanischen Familie fiel mir nicht wirklich leicht, aber auch nicht schwer. Das zweischneidige Gefühl sich auf seine Heimat zu freuen, auf die eigene Familie, Freunde, davon zu berichten, was man erlebt hat, aber auch Abschied zu nehmen, auf ein Wiedersehen zu hoffen, sich weiter anzustrengen um die Sprache zu erlernen, der Geschmack der guten Vorsätze, von denen man sich wünscht, dass sie Realität werden, und die Dankbarkeit für alles was ich erleben und erfahren durfte, das sind die Gefühle, die mich durchdrangen. Nachdem ich mich von der Familie verabschiedet habe, sind die Kusinen meines koreanischen Freundes mit mir im koreanischen Schnellzug nach Seoul gefahren. Gefühl wie auf der fahrt nach Paris, da es auch ein TGV war, der in Korea eben KTX heisst. Abends habe ich wieder bei der Amerikanerin vom Couchsurfing.com übernachtet, es war total nett ein letztes Mal sich mit ihr auszutauschen und ihre neuen Erfahrungen zu hören, die sie mit ihrer neuen Schulklasse gesammelt hat. Das Leben als Englisch-Lehrer in Korea ist nicht so einfach, wenn man prinzipiell nicht bereit ist, sich auf ihre Kultur einzulassen oder sich den Koreaner zum Beispiel über die Sprache anzunähern. Am letzten Tag in Seoul bin ich tagsüber in Insa-Dong zum shoppen gegangen. Dort kann man viele traditionelle Waren finden, und ich wollte dort noch die letzten Mitbringsel besorgen, aber auch ein paar traditionelle Bilder und andere Andenken. Nachdem ich mein letztes Geld ausgegeben habe, kam genau zur richtigen Zeit ein Anruf von meinem koreanischen Freund und seinem Kumpel, die beide mittlerweile auch in Seoul angekommen waren. Es ist nicht so einfach gewesen direkt nach dem Erntedankfest Chuseok nach Seoul zu fahren, eben weil alle Tickets ausverkauft sind und die Strassen völlig überfüllt. Wir sind zusammen ein letztes Mal zum Friseur gegangen, der Schnitt ist hier einfach billiger. Am Abend bin ich zusammen mit einer der Schwestern aus dem Krankenhaus ein letztes Mal auf den Namsan-Berg gewandert, um Abschied zu nehmen von Seoul, von Korea und von ihr. Es war wirklich traumhaft, einer der romantischsten Ansichten, die ich beileibe jemals hatte. Wir genossen den Panoramablick auf Seoul, im Westen ging die Sonne gerade leuchtend rot unter, und im Osten ging der grosse Vollmond im roten Gewand auf. Unbeschreiblich. Oben auf dem Berg neben dem beleuchteten Funkturm fand eine Lasershow mit traditioneller Klängen untersetzter Techno-Musik statt. Der Funkturm wurde von Beamer angeleuchtet und sah aus als ob er brennen würde. Den ganzen Abend genossen wir dort. Der Abschied am nächsten Morgen von der Familie war von vielen Tränen begleitet. Auch ich war sehr matt. Es muss so schwer sein, seine Familie, die Menschen, die einen lieben für weitere 4 Jahre zu verlassen, so wie es mein koreanischer Freund tun musste. Wieder in ein Land, dessen Kultur so anders ist. Ich verstehe ihn, und mich, nun um einiges besser.  Beim Flug habe ich mir eine Dokumentation angesehen, die mich zu Tränen gerührt hat: Es ging um die New Yorker Philharmonie, die in Pyongjang, der nordkoreanischen Hauptstadt, zu einem Konzert eingeladen waren. Den Schmerz der Menschen in einem geteilten Land zu leben, können Deutsche vielleicht nachfühlen. Zumindest schauen viele Koreaner nach Deutschland als einem Vorbild für die Wiedervereinigung. Die Musik als die gemeinsame Sprache der Menschen in aller Welt, das ist mir bewusst geworden. Die New Yorker haben Arirang gespielt, die NAtionalhymne, die Volkshymne aller Koreaner, egal ob Nord- oder Süd. das Lied spricht die Gefühle des Vermissens an, und alle Menschen im Konzertsaal waren zutiefst berührt von diesen Klängen. Es ist, als ob die New Yorker die Hand ausstreckten, ein Zeichen des Verständnisses und der gemeinsamen Menschlichkeit. Alle waren bewegt, und ich zutiefst berührt. Die Trauer über die Getrenntheit des Landes und die materielle Armut der Menschen im Norden ist ein Fakt, der vielen Menschen so nicht bewusst ist, aber der mich zutiefst traurig stimmte bei meinem Rückflug. 
Ich möchte zurückkehren nach Korea, in 4 Jahren habe ich mir vorgenommen, ein weiteres Mal zusammen mit meinem koreanischen Freund. Vielleicht werde ich auch nach Nordkorea reisen, vielleicht gibt es bis dahin auch kein Nordkorea mehr. 

 

Reisen öffnet die Augen. Ich werde weiterreisen.

Veröffentlicht von

Sascha Foerster

Sascha Foerster ist Geschäftsführer der Bonn.digital GbR, Social-Media-Berater, Community Manager, Moderator für Barcamps und Speaker bei Digital-Events.