Erntedankfest in Yulpo – Abschiedsschmerz und Heimweh

Hier ist vermutlich mein vorletzter Bericht aus Korea. An diesem Wochenende haben wir Erntedank gefeiert, hier wird es Chuseok genannt. Und die Abschiedsfeiern nehmen langsam aber sicher ein Ende, es ist zugleich schmerzlicher Abschied und zugleich freudiges Erwarten der Heimkehr. Interessantes gibts von der Totenkultur zu berichten. Am Freitagabend gab es eine letzte ausschweifende Abschiedsparty mit japanischen Fischrestaurant, viel rohem Fisch und Soju, diesmal in Mengen, die der Gesundheit nicht mehr zutraeglich sein konnten. Drei der Anwesenden durften einen Grossteil des Soju etwas verfrueht im Rueckwartsgang der Verdauung dem natuerlichen Kreislauf durch die Kanalisation zurueck ins Meer fuehren, inklusive meiner Persoenlichkeit, aufgrund der diesmal wahrlich kaempferisch durchgefuehrten Trinkspiele, aus Leichtsinn und Traurigkeit ueber den Abschied bis zum letzten Tropfen ausgetrunken. Die anderen verbrachten den zweiten Gang nicht im “Make-Up-Zimmer”, so heisst die Toilette auf Koreanisch, sondern im Norebang und sangen lauthals koreanische Liebeslieber mit viel “Sarang hae”, das heisst “Ich liebe Dich”.
Eine weitere Episode war das Nachtschwimmen am vorherigen Abend. Unglaublich schoen, das kann man nicht beschreiben, das will ich nicht beschreiben, nur erwaehnen, wie so manches andere auch.
Aber nun zum wirklich interessanten, dem groessten Fest in Korea. Alle auf den Beinen unterwegs zur Familie, Stau vorprogrammiert, Tickets nur ueber gute Beziehungen. Meine Familie in Korea hat sie, denn wir haben Zugtickets, wir brauchen sie auch, schliesslich muessen wir irgendwie nach Seoul um unseren Flug am Mittwoch zu erreichen.
Am Freitag und Samstag kommen die ersten Verwandten an. Aus dem Kofferraum werden grosse Kisten mit Obst zu den Grosseltern gebracht, dann wird sich dort tief und hoeflich verbeugt, man geht ausnahmsweise auf die Knie. Die Aelteren geniessen dieses Zeichen der Ehrerbietung ersichtlich. Danach unterhalten sich die aelteren Sohne hautpsaechlich miteinander, je aelter sie sind, desto oefter kommen Themen der Krankheit auf…das kennt man auch in Deutschland. Die Frauen, meist in der Kueche, bereiten die Spezialitaeten vor, zum Beispiel den koreanischen Reiskuchen, den es nur fuer Chusoek gibt.
Besonders ist die Totenkultur. Am Samstagmorgen durfte ich mit meinem koreanischen Freund und seinem Vater zu den Ahnengraebern. Hier sind das kleine Huegel verstreut ueber das Land, meist an Bergraendern, oft im Wald. So auch hier. Zuerst besuchten wir das Grab des Grossvaters. Wir stellten uns hin, und verbeugten uns, gingen in die Knie. Bei den Toten macht man diese Uebung zweimal, bei Lebenden einmal. Sodann zuendete der Vater eine Zigarette an. Ich etwas verwundert, dachte das geht ja vielleicht etwas zu weit jetzt gemuetlich zu rauchen. Aber die Zigarette war fuer den Toten bestimmt und wurde an sein Grab gelegt. Mein koreanischer Freund erklaerte mir, dass sein Grossvater nie geraucht haette, aber sein Vater haette gemeint, wenigstens jetzt wo er tot ist, wuerde er sicherlich auch mal eine probieren wollen. Ebenso wurde diese Rituale bei der Grossmutter und dem juengeren Bruder durchgefuehrt. Eine Ausnahme bildete einer der Cousins von meinem koreanischen Freund. Weil er Selbstmord begangen hatte, war er nicht bei den anderen Familienmitglieder begraben worden. Weiterhin verbeugte sich der Vater nicht mehr, da der Cousin juenger als er war. Bei juengeren Toten braucht man sich nicht zu verbeugen.
Allgemein ist es wichtig fuer Koreaner bei neuem Besuch erstmal festzustellen, wie alt dieser ist, und ob er verheiratet sei, danach wird festgelegt, welche Verwandtschaftsbeziehung man zueinander hat. So wuenscht die Familie, dass ich meinen koreanischen Freund nicht Freund, oder gar bei seinem Namen nenne, sondern Haengnim, was grosser Bruder heisst. Ebenso bei den Schwestern im Krankenhaus. Es ziemt sich nicht den Namen zu nennen, wenn man juenger ist, dann darf man sie nur aeltere Schwester (Nunna) oder, wenn sie verheiratet und aelter sind auch mal Tante (Imo) nennen.
Am Abend gab es ein weiteres ausgiebiges Essen mit der Familie, danach sind wir an den Strand spaziert und haben ein kleines Feuerwerk angezuendet und unsere Wuensche dem Mond erzaehlt, so lange die Wunderkerzen brannten. Ein lustiges Spiel am Strand haben wir auch gespielt. Dazu wird ein kleines Stoeckchen in den Sand gesteckt, und reihum versucht jeder so lange Sand wegzuziehen, bis die Fahne umkippt. Vorher wurde festgelegt, was man machen muss. Ich durfte singen, eine der Cousinen musste tanzen.
Die Vermischung der verschiedenen Kulturen wurde mir hier wieder deutlich. Typisch Koreanisch ist die herausragende Bedeutung von Chuseok, vergleichbar vom Aufwand mit Weihnachten, aber urspruenglich vom Sinn her Erntedank. An dem Tag gehen die koreanischen Christen selbstverstaendlich in die Kirche. Also auch hier vermischen sich die verschiedenen Kulturen zu einem Konglomerat. Christliche und konfuzianistische und traditionelle koreanische Kultur gehen Hand in Hand. Es ist mir auch schwer vorstellbar, dass sich die Menschen hier von ihren uralten und bewaehrten Traditionen vollstaendig losloesen koennten.
Ab jetzt nehme ich mir vor viele kleine Geschenke zu kaufen und mein letztes Geld auszugeben, soviel wie eben in meinem Koffer passt, bis mein Portemonnaie leer ist.
Ich bin am 19. August wieder zu Hause. Nicht mehr lange!

Veröffentlicht von

Sascha Foerster

Sascha Foerster ist Geschäftsführer der Bonn.digital GbR, Social-Media-Berater, Community Manager, Moderator für Barcamps und Speaker bei Digital-Events.