Jejudo – Die Insel fuer koreanische Flitterwochen

Heute bin ich in Josu, eine kleine Stadt an der Suedkueste. Mein koreanischer Freund hat hier 8 Jahre lang gelebt, von 10 bis 18 Jahre. Fuer ihn hat sich so viel veraendert hier, auch er ist ein Fremder geworden, wir fuehlen uns beide etwas fremd. Heute war etwas ruhiger, durch die Stadt haben wir beide an unsere Vergangenheit gedacht, wo wir aufgewachsen sind, haben uns Schwaenke aus unserer Jugendzeit erzaehlt (ich fuehle mich ja noch ganz jugendlich, aber es wandelt sich etwas) und lange still gesessen und nachgedacht. Viel nachgedacht habe ich auch auf der Insel Jejudo, aber nun genug des Denkens, mehr von den Erlebnissen auf der Insel.

Die Tanten aus Mokpo haben mich am morgen zur Faehre gebracht: 5 Stunden dauerte die Fahrt, zwischen den vielen kleinen und grossen Inseln an der Suedkueste. Immer wieder habe ich mich gefragt, ob die naechste Insel Jejudo sei. Von Jejudo habe ich mir vorher erzaehlen lassen, dass dort viele frischverheiratete Koreaner ihre FLitterwochen verbringen, aber dass auch aus Japan und China viele Touristen dort hinfahren wuerden, weil es dort so schoen sei.
In Jejudo angekommen wurde ich von der Familie der Schwester des Arztes aus Boseong aufgenommen. Die Wohnung war wieder eines  dieser typischen koreanischen Apartments, ziemlich eintoenig. Gemeinsam ist ihnen alle das man die Schuhe am Eingang auszieht und drinnen barfuss laeuft, ausser im Bad, dort stehen Badelatschen parat. Achja, auf keinen Fall darf das Familienfoto fehlen, immer Vater, Mutter und die meist zahlreichen Kinder, alle im Sonntagsanzug. Es gibt keine Wohnung ohne dieses Bild in der Mitte.
Als erstes wurde mir ein Freund der Familie vorgestellt. Er ist Englischlehrer auf Jejudo und sprach pefekt Englisch. Er gab mir seine Karte mit der Telefonnummer drauf und einer Anweisung auf koreanisch ihn anzurufen, wenn jemand eine Uebersetzung braucht. Perfekt! Wenn ich irgendwo alleine nicht weiterkomme, reiche ich ihm meine Karte und lasse mir alles am Telefon uebersetzen!
Nach der kleinen Einfuehrung wurde ich von dem juengsten Sohn durch Jeju City gefuehrt. Er sprach konglisch, so beschreiben Koreaner ihre mageren Englisch-Kenntnisse mit starken Akzent, den ich aber immer besser verstehe. Nur manchmal weiss ich nicht so Recht, ob jemand englisch, koreanisch oder eine ganz andere Sprache zu mir spricht. Bei der Stadtfuehrung erfuhr ich  viel ueber die Legende der Jeju Insel: Aus drei Hoehlen seien drei junge starke Maenner gekrochen, die gemeinsam auf der Insel Tiere jagten. Der Koenig der benachbarten Insel erfuhr von den drei starken Juenglingen und sandte seine drei Toechter mit vielen Geschenken auf die Insel, damit sie dort heiraten sollten. Die Maenner gingen auf einen Berg und schossen mit ihren Boegen in drei Richtungen und teilten die Insel in drei Teile. Dann gingen sie gemeinsam mit den huebschen Frauen in einen Teich baden und heiraten Sie. Sie wurden sesshaft, begonnen Landwirtschaft zu betreiben und bekamen viele Kinder: Die Vorfahren der heutigen Bewohner der Jeju Insel. Natuerlich gehoert zu jedem Ort der Legende ein Ort auf der Insel, fuer den man Eintritt bezahlen muss.
Die Jejuaner sind ein besonderes Voelkchen, in Europa kennen wir das von anderen Inselvoelkern, wie den Englaendern. Jejudo ist eine eigenstaendige Provinz, sie gibt sich ihre eigenen Gesetze und hat viele Freiheiten, die andere koreanische Provinzen nicht besitzen. Auf Jejudo spricht man einen Dialekt, den selbst andere Koreaner nicht verstehen. Und auch der Charakter der Menschen unterscheidet sich meiner Meinung nach. Ich hatte den Eindruck sie sind impulsiver, direkter und lauter als ueblich, wenigstens hatte ich diesen Eindruck in der Familie bei der ich war. Aber sie sind mindestens genau so herzlich und gastfreundlich, wie ich es mittlerweile von Korea gewohnt bin. Schade, wenn man sich an diese so wunderbaren Dinge gewoehnt. Aber mir ist es ja bewusst, und ich bleibe bescheiden und ohne Erwartung. Jede kalte Dusche ist ein Geschenk!
Das Programm fuer den zweiten Tag war eine Touristen-Bus-Tour ueber die Insel. Ich fasse es kurz. Sehr teuer und totaler Mist. Wir sind den ganzen Tag ueber die Insel gefahren und haben teuer bezahlt um kaum was zu sehen. Nur ein Beispiel, der zweite Punkt des Programms war ein Touristenshop mitten im Nirgendwo. Dort sollten wir einkaufen, selbstverstaendlich ueberteuert. Ich fuehlte mich sehr verarscht und ausgenommen, nie wieder! Der Nachmittag wurde etwas besser, weil ich entdeckt hatte, dass zwei Amerikanerinnen mit mir im Bus waren. Es war nicht direkt offensichtlich, da beide koreanisch aussahen, aber an Kleidung, Verhalten und Sprache hoerte man, dass sie aus der amerikanischen Kultur stammen. Es war sehr nett mit den beiden zu sprechen und ihre Erfahrungen zu hoeren. Erstmal fallen sie nicht durch ihr Gesicht als Fremde auf, aber sie fuehlen sich doppelt fremd, durch die ihnen ferne Kultur in Korea, aber auch in den USA sind sie keine echten Amerikaner. Diese doppelte Fremdheit ist schon etwas schwieriger als meine offensichtliche. Nach einer teuren “mongolischen” Pferdeshow und dem anschliessenden noch teureren Reiten gabs eine 10 minuetige Fuehrung durch ein uriges Jeju-Dorf mit 30 minuetiger Vorstellung der hemischen Produkte: Kaffeefahrt-Feeling und dann muss ich noch teuer dafuer bezahlt!
Ich hatte ein wenig Korea satt. Mein vorlaeufiger Tiefpunkt war erreicht. Ich hatte die Nase voll von der Eintoenigkeit. Immer das selbe Essen (Kimchi und Reis oder Nudeln), ueberall die gleichen Autos (Hyundai, Kia oder Samsung, ja auch Samsung macht Autos!, hauptsaechlich weiss!) und die Eintonigkeit der Menschen. Mir ist auch aufgefallen, dass Korea, wenn ich es dem harten Vergleich aus meinem eurpaeischen Standpunkt betracht, nicht so weit entwickelt ist, auch wenn es mir grundsaetzlich fernliegt aufgrund von Ausserlichkeiten auf den Stand der Entwicklung einer Gesellschaft zu schliessen. Aber die Haueser sind meist sehr einfach zusammengeflickt, die Telefonkabel haengen kreuz und quer ueber die kleinen verwinkelten Gassen, soviel Unordnung und Improvisation. Dann habe ich negativ beurteilt, dass die Schueler so lange in die Schule muessen (manche bis 23 Uhr, von morgens 7 Uhr!), danach gehen sie drei JAhre ins Militaer und arbeiten dort 15.000 Stunden. Wenn sie diese Zeit mal in die Renovierung der Oerte oder fuer soziale Dienste anbieten wurden, die Wirtschaft wuerde so profitieren. Aber man darf nicht vergessen, dieses Land ist faktisch noch im Krieg. Es gab nie einen Friedensvertrag nach dem Koreakrieg. Es koennte jederzeit wieder ein Krieg kommen. Diese Anspannung kostet das Land aber viel Geld und viel Kraft! Und momenan, so sagte es der Vater bei dem ich untergebracht war, sieht die wirtschaftliche Lage in Korea nicht sehr gut aus. Die Lebensquelitaet sinkt eher.
Der naechste Tag war viel besser fuer mich. Wanderung auf den Halla-Berg. Jeju ist eine Vulkan-Insel und in ihrer Mitte steht ein grosser Vulkanberg, den man besteigen kann. Das war genau nach meinem Geschmack. Die Natur, das Herzklopfen durch die Anstrengung, die frische Luft und die klaren Gedanken, die ich fassen konnte. Herrlich! Ich war wieder viel positiver diesem Land gegenueber.
Einer der Gedanken ging um Nehmen und Geben. Mir viel auf, dass es mir schwerfiel manche gastgeberischen Geschenke anzunehmen, zum Beispiel das Schlafen im Ehebett oder dass mir alle Mahlzeiten und viele Reisekosten bezahlt wurden. Aber ich dachte mir, dass ich nicht diese Geschenke ablehnen sollte, sondern dankbar annehmen kann. Dadurch dass ich nehme, gebe ich Ihnen auch die Freude, dass ich gluecklich bin und sie mir geben koennen. Umgekehrt kann ich diese Freude weitergeben. Also war ich sehr entspannt. (Jaja, die Aesthetik der Gabe! Es gibt da immer noch viel zu lernen!)
Abends sind wir in ein westliches Restaurant Essen gegangen. Erst sah alles ganz gewohnt aus. Aber der Schein truegte mich. Trotz des Bestecks und der Stuehle blieben die koreanischen Essmanieren die gleichen. Erstens wurde mit einem lauten “Jogiyo” der Kellner herbeigerufen, ja gebruellt, so dass alle Gaeste es mitbekommen haben. Das heisst soviel wie “Hier bin ich!” und es ist total normal und ueblich so anzukuendigen, dass man bestellen moechte. Der Kellner antwortet mit einem genervten “Neee”, was auf Deutsch JA heisst. Also koreanisch Nee gleich Deutsch ja. Damit kann ich so prima meinen koreanischen Freund verwirren! Die Speisen klangen ganz westlich. Rippchen mit Pommes gab es da, oder Haehnchenschnitzel. Aber als serviert wurde, war wieder alles anders. Es gab das Fleisch auf dem eigenen Teller und die Beilagen in den vielen kleinen Schuesselchen. Auch hier wurde Kimchi nachbestellt, denn Essen ohne Kimchi ist kein Kimchi. Vom Schmatzen, Schluerfen und den anderen Essgeraeuschen bekam ich nun wirklich den letzen Kulturschock und mir war klar, dass hier ist nur eine Farce. Ich fragte mich, wie ich jemals mit urechten Koreanern in ein deutsches Restaurant gehen koennte, bei dem Geraueschpegel. Die anderen Gaeste in Deutschland waeren mit Sicherheit peinlich beruehrt. Ich habe mich ein wenig auf Deutschland gefreut und grinsend, aber laut mitgeschluerft.
Am letzten Tag in Jeju bin ich auf eigene Faust mit dem Bus zur anderen Seite der Insel gefahren, circa eine Stunde Fahrt. Dort bin ich den ganzen Tag umhergewandert und habe wirklich schoene Orte entdeckt.
Der Morgen begann mit einem Wasserfall. Wunderschoen anzusehen, wie sich das Wasser fallen laesst, ich fuehlte mich belehrt genau so loszulassen. Die Gegend im Sueden der Insel war beinahe tropisch. Die Strassen waren gesaeumt von Palmen, es war heiss, Kokosnuesse lagen im Strassenrand…wieso soll ich beschreiben, wenn die Bilder wie Postkarten aussehen?
Am Strand war es mir klar. So sieht es aus, wenn ich einen Pauschalurlaub nach Jejudo buchen wuerde. Hyatt 5 Sterne Hotel direkt am Jungmun Beach, bekannt fuer seinen 4farbigen Sand und den Palmen. Ich bin dort schwimmen gegangen und es war wirklich traumhaft! Perfektes Suedseeinsel-Feeling. (Leider wuerden die Leute aus dem Hotel viel Geld dafuer bezahlen muessen, weil sie ja mal unbedingt Urlaub von ihrem stressigen Alltag braeuchten und genau so dumm und ohne innere  Zufriedenheit zurueck nach Hause fliegen. Nix ueber die Kultur gelernt, ausser dass, was von den Touristenfuehrern als Kultur verkauft wird, klingt hart, meine ich aber so!).
Nicht weit vom Strand befindet sich das Jejudo-Convention-Center, da habe ich mir vorgenommen, dass ich, wenn ich mal in die Lage kommen sollte ein tolles Meeting oder eine Konferenz zu organisieren, dann wuerde ich das Hyatt Hotel am Jungmun Beach buchen und das Jeju Convention Center aussuchen! Wirklich empfehlenswert! (Dies als kleinen Tipp fuer meinen Chef!)
Nach mehrstuendiger Wanderung durch die Mittagshitze, weil ich zu geizig fuer ein Taxi war, konnte ich einen Tempel bewundern, der die groesste Buddha-Statue Asiens beherbergt. Ich war tief beeindruckt und liess mir viel Zeit im Tempel. Ich war etwas enttauscht, dass man mir direkt am Eingang des Tempels als erstes einen Sack Reis verkaufen wollte. Alle Religionen brauchen Geld. Trotzdem war das Gebaeude und die Stimmung beeindruckend, man solle sich die Bilder dazu anschauen! Aber leider kann man den Weihrauch nicht riechen und die buddhistischen Saenge hoeren, den Rhythmus der Trommel und das Summen der Zickaden, die warme Luft und das Flattern der Wunschzettel an der Decke im Wind. Das muss man erleben.
Die Tage in Jejudo waren sehr gedankenvoll. Ich habe mir viel Zeit dafuer genommen und bin sehr zur Ruhe gekommen. Ich habe mich auch entschieden, dass Jejudo fuer meine Flitterwochen nicht der richtige Ort ist. Diese Insel ist mir zusehr auf Touristen und ihr Geld eingestellt, dass hinterlaesst leider einen faden Beigeschmack. Trotzdem waren die Tage dort wuenderschoen und lohnenswert, die Natur beeindruckend.
Nach meiner letzten Uebernachtung bin ich fruehmorgens auf die Faehre. Fast haette ich kein Ticket bekommen, erst in letzter Sekunde durfte ich noch aufs Schiff. In der zweiten Klasse-Kabine habe ich erstmal ausgeschlafen, bin dann aufs Deck und mir wurde klar, warum ich fast kein Ticket bekommen haette. Man muss sich das vorstellen: Eine ganze Maedchenschule mit 14-18 jaehrigen Maedchen halten das Schiff in ihrer Gefangenschaft, circa 400 von Ihnen. Ich als einziger junger europaeischer Mann mit ihnen auf einem Boot. Ueberall wo ich ging wurde gekichert, man versuchte heimlich Fotos zu machen, manchmal rief eine der mutigen mir “Hey” hinterher und als ich einmal geantwortet hatte, fassten ein paar Maedchen ihren ganzen Mut zusammen und sprachen mich an. Es war total nett! Sie waren so hoeflich und freundlich, stellten Fragen, beantworteten meine, manchmal sprach ich ein paar Fetzen Koreanisch und sie lachten.
Ungefaehr so muss es sein, wenn man ein Star ist, das war schon ein besonderes Gefuehl, andererseits kann ich mir vorstellen, dass jeder Star mal froh ist, wieder ganz normal behandelt zu werden. Ich habs genossen!
Auf der Busfahrt zurueck nach Yulpo zur Familie wurde mir bewusst, dass mir die Berge gefehlt haben. Die Gruenteeberge haben sich tief in mein Herz eingebrannt. Zu Hause gabs das leckere gewohnte Essen und ich fuehlte mich richtig hemisch.
Yulpo und die Gruenteeberge sind meine koreanische Heimat. Hierhin kehre ich immer gerne zurueck. Aber auch Deutschland, meine Familie und Freunde fehlen mir. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge stelle ich fest, dass nur noch 10 Tage hier verbleiben.

Veröffentlicht von

Sascha Foerster

Sascha Foerster ist Geschäftsführer der Bonn.digital GbR, Social-Media-Berater, Community Manager, Moderator für Barcamps und Speaker bei Digital-Events.