Abschließende Worte aus dem Flugzeug von Dubai nach Frankfurt

Meine Reise ist zu Ende. Aber jetzt gilt es, die Erfahrungen der letzten Monate  zu verarbeiten und umzusetzen in Handlungen. An dieser Stelle gibt es von mir nur noch ein kleines Resumé der letzten Tage und einige allgemeine Gedanken zum Abschluß des diesjährigen Blogs aus Korea.

Während ich diesen Beitrag schreibe, befinde ich mich im Flugzeug der Emirates zwischen Dubai und Frankfurt. Etwa 3 Monate sind vergangen, seitdem ich nach Südkorea aufgebrochen bin. Ich habe viele Menschen aus verschiedenen Ländern und ihre Kulturen kennengelernt: Insbesondere Menschen aus Korea, aber auch aus den meisten Länder des Asia-Pazifik-Raumes, und darüber hinaus Menschen aus ganz Amerika, Afrika und Europa habe ich getroffen, mit Ihnen gesprochen, gearbeitet, gelacht, getanzt, geweint und vor allem Freundschaft geschlossen.
Wir haben auch über Probleme in ihren Ländern gesprochen, viele Probleme in meiner Heimat sind mir auch erst im Ausland wirklich bewusst geworden. Es gibt kein Land ohne Herausforderungen, die es zu bewältigen hat.
Was ich gelernt habe aus dieser Zeit, lässt sich kaum in wenigen Worten ausdrücken. Ich versuche es trotzdem:
Alle Menschen, egal aus welchem Land sie kamen, haben eine Mutter, einen Vater und eine Familie, die sie in den meisten Fällen lieben und von denen sie geliebt werden. Immer wenn ich diesen Menschen interessiert entgegen getreten bin, sie um ihre Meinung gefragt habe, ohne meine Vorurteile bestätigen zu wollen, konnte ich feststellen, dass all diese Menschen mir Dinge erzählen konnten, die vieles von dem was wir zu wissen glauben, über Gut und Böse, richtig und falsch auf dieser Welt auf den Kopf stellen kann. Oft konnte ich Ihnen auch Dinge erzählen, die ihr Weltbild verändert haben. Ich kann gar nicht sagen, wie wichtig es ist, Empathie für die Situation des anderen zu haben, versuchen seine Situation zu verstehen. Natürlich gibt es komplizierte Konflikte, die man nicht einfach so lösen kann. Aber ich glaube, dass es immer einen Weg geben kann, sie zu lösen, man muss ihn nur suchen wollen und manchmal Fehler zugeben können, ohne dass man gleich sein Gesicht verliert: Es ist menschlich Fehler zu begehen. Dazu gehört auch, dass wir einander kennen lernen wollen. Wir sind so oft auf die Unterschiede zwischen uns Menschen konzentriert übertreiben sie bis zum Absprechen der Menschlichkeit des Anderen, bis wir alle unsere Gemeinsamkeiten vergessen haben. Ein fremdes Gesicht kann mir Angst machen, nur weil ich in den Nachrichten über den Terrorismus in seinem Heimatland gehört habe. Nachdem ich meine Angst durch Offenheit und Neugier vergessen habe, gewann ich einen Freund, dessen Herzlichkeit so groß ist, dass ich enttäuscht bin von meinem Vorurteil. Dieser Mensch liebt seine Familie, wie ich es tue. Er liebt das Lachen, wie ich es tue. Er genießt das Essen und Trinken, genau wie ich. Er ist aus dem gleichen Fleisch wie ich. Auch genetisch sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen Völkern geringer, als zwischen den Individuen dieser Völker, auch wenn man das nicht glauben mag (daran sieht man wie fixiert wir auf Unterschiede und Gruppenbildung sind, aber das große Ganze vergessen): Die Menschen und Menschlichkeit, unseren Planeten, den wir alle gemeinsam bewohnen, die Ressourcen, die wir alle gemeinsam verbrauchen. Es ist das Netz des Lebens, das uns alle verbindet. Keiner ist unabhängig von dem anderen, egal wo er lebt.

 

„Die Nachrichten sagen die Wahrheit“?

Ein Satz aus dem Koran (dem Heiligen Koran, aus welchem sonst) sagt ungefähr „Wir teilten Euch in Völker und Gruppen, damit ihr einander kennen lernt.“ (Ich lernte auch, das der Islam eine der friedliebendsten und mit den Schwachen mitfühlendsten Religionen überhaupt ist, wenn ich das überhaupt beurteilen kann. Leider hat der Islam auch das schlechteste Image, was mich traurig stimmt).
Wir glauben, wenn wir die Nachrichten lesen, dann wissen wir schon über die anderen Bescheid: Aber wenn man mal bei Google News nachschaut, welche Nachrichten wir von Malaysia oder Korea zu hören bekommen (z.B. Malaysische Frau heiratet mehrere Männer, Koreaner essen Hundefleisch) und wir nicht verstehen, was eigentlich hinter der Nachricht steckt und welche Kultur dort gelebt wird, dann denken wir doch in Malaysia leben die Leute auf den Bäumen und die Koreaner kennen keine Freunde im Tierreich. So ist es aber nicht. Leider gibt es keinen anderen Weg, als mit den Menschen zu sprechen, dorthin zu reisen, die Kultur zu erleben und in ihr drin zu sein, soweit es geht. Die Nachrichten achten vielmehr drauf, was die Leute lesen wollen, das sind eben Katastrophen oder reißerische Titel, wo man denken muss: Die spinnen ja, was steckt denn hinter dem Titel, und somit die menschliche Neugier für Schreckliches und Kurioses befriedigen. (Die Zeitungen müssen ja irgendwie die Augen erstmal in die Zeitung oder auf die Internetseite locken und danach auf die Werbung neben den Nachrichten, damit sie profitabel bleiben). Internationales Verständnis oder Frieden schafft man damit keinen, aber das ist ja auch nicht das Ziel der meisten Medien, vermute ich.
Wir können weiterhin Grenzen zwischen uns ziehen, immer neue Staaten gründen, Kriege um Ressourcen führen und miteinander um alles wettstreiten, sei es um Macht, Geld, Einfluss oder Atomwaffen, Öl,… oder wir handeln gemeinsam für das Leben, und nicht als kurzfristig denkende, unbelehrbare, egoistisch Bedürfnisbefriediger ohne Rücksicht auf Verluste, auch die eigenen. Auf längere Sicht, wird genau das gleiche auf uns zurückfallen, wovon wir vorher vermeintlich profitiert haben. Das Überleben des Stärksten „the survival of the fittest“ allein kann es nicht sein: Als Korrektur, damit nicht nur ein „Fittester“ überlebt und dann aufgrund der ausgestorbenen Konkurrenten selbst ausstirbt, muss es etwas Verbindendes geben: Es gibt Liebe,Freundschaft, wirtschaftliche Beziehungen zwischen Blümchen und Bienchen und vieles andere, was uns Menschen verbinden kann. Diese Verbindungen: Das ist Leben! Und ethisches Handeln ist, wenn ich so lebe, rede und agiere, als ob ich der andere Mensch bin, und der andere ich. Gemeinsam ist man stark, noch so ein schlauer Spruch.
Irgendwie komme ich mir jetzt vor, als ob ich Banalitäten schreibe, aber es brennt mir auf dem Herzen. Trotzdem breche ich das an dieser Stelle ab, um noch ein Faktum zu berichten (wer mit mir weiter diskutieren will, kann das per Email oder persönlich tun).

Sich treffen, kennen lernen und leider Abschied nehmen

Meine letzten Tage in Seoul und Yulpo waren wunderbar. Nach der Hochzeit habe ich einige Tage bei den Eltern entspannt (zum Beispiel in der Grüntee-Sauna, ein wahrer Jungbrunnen, sehr zu empfehlen), Freunde aus dem letzten Jahr aus dem Krankenhaus getroffen, Postkarten geschrieben und ich bin am Strand spazieren gegangen und habe den Blick auf die Berge genossen. Mein koreanischer Kumpel war schon früh wieder abgereist, aber trotzdem hat mich die Familie herzlich willkommen, wofür ich sehr dankbar bin.
In Seoul war ich zum Choesok-Wochenende wieder zurück, das ist das alljährliche Erntedankfest, was quasi das größte Fest in Korea ist, bei dem jedes Jahr das größte Verkehrschaos herrscht. Ich habe mich am Donnerstag vor dem Choesok-Wochenende auf dem Weg nach Seoul gemacht, während Freitags die Meisten in die andere Richtung von Seoul aufs Land zu ihren Eltern und Großeltern gefahren sind. Zuerst hatte ich in Seoul keine Unterkunft, aber dann hat mir meine Chefin noch am selben Abend ein Zimmer bei ihrer Kusine zu Hause besorgt, was ein wahrer Glücksfall war. Der Sohn der Familie, bei der ich die nächsten Tage (meine letzten in Korea) verbringen durfte, war im Militärdienst für 22 Monate, somit konnte ich sein Zimmer nutzen. Der Vater ist Professor (er hat auch mal Germanistik studiert: „Wunderbar!“, sagte er immer), die Mutter, die hervorragend kocht, hat einen kleinen Laden der Wandteppiche verkauft, beide so herzlich und freundlich dass ich meine Dankbarkeit kaum in Worte fassen kann. Bisschen blöd, wenn man dann darüber schreiben will. (Und hier noch als I-Tüpfelchen ein sinnloser Kommentar zwischen den Klammern. Ich liebe „kalte“ Witze, die niemandem zum Lachen bringen, wusstet ihr das? „Sollong“ sagt man auf Koreanisch.)
An Choesok war ich zu der Familie meiner Arbeitskollegin eingeladen, auch hier eine Herzlichkeit, Gastfreundlichkeit und freudige Neugierde auf den Besuch aus Deutschland. Nach dem Besuch und einer kleinen Zeremonie am Grab der Eltern haben wir zu Hause zu mittag gegessen. Die Jungs und Männer saßen schweigend und fernsehend im Wohnzimmer, die Mädels und Frauen plappernd in der Küche, während sich einige Eingeschworene in ein Zimmer verkrochen haben, um die Gespräche während der Fahrt nach Hause über Politik, Geschichte und Kultur, als auch einige Probleme der Gesellschaft, aber auch die brillante Zukunft Koreas fortzusetzen (ich saß bestimmt nicht am Fernseher). Am späten Nachmittag spielten wir traditionelle koreanische Spiele (eine Art Mensch Ärger dich nicht mit Holzstäbchen als Würfel) und gingen ins Kino („Surrogates“, naja, Matrix war seinerzeit besser).
Auch am Tag danach wurde ich von einem Freund in seine Familie eingeladen, in eine kleine Vorstadt von Seoul: Nur Appartmenthochhäuser: Spontan fiel mir bei dem Anblick nur „Apate-World“ ein, aber das ist das Leben von vielen Koreaner: Quasi das Durchschnittsleben: Apate-Wohnung, Hyndai-Auto, Samsung-Kühlschrank. Kimchi-Magen. Hallo Korea!
Die Familie war auch hier so willkommend, interessiert, offen und wir teilten Geschichten, auch Liebesgeschichten, die wir erlebt hatten bei köstlichem Essen. Nachmittags bin ich mit dem Freund an einem See und durch Einkaufszentren spazieren gegangen, wobei er mir im Café noch eine kleine Koreanisch-Lektion gegeben hat. Danke!
Die letzten Tage habe ich noch die Kollegen vom Workshop getroffen, bin abends mit Ihnen ausgegangen und wir haben sehr persönlich miteinander reden können, aber mussten auch Abschied voneinander nehmen. Diese Abende waren aber sehr wichtig, weil sie persönlich waren. Übertag habe ich die letzten Dinge erledigt, noch ein paar Einkäufe getätigt (zum Beispiel mir ein Hanbok zu kaufen, das ist die traditionelle Kleidung der Koreaner, als auch ein paar Souvenirs, wobei ich bereits 30kg per Post verschickt habe, die aber erst im November ankommen werden) und das unterschriebene Zertifikat auf der Arbeit abgeholt.

Keine Zeit zum Nachdenken – Nächster Stop Dubai

Eines Abends saß ich dann im Bus zum Flughafen, draußen standen winkend (und vielleicht ein bisschen weinend, so wie ich im Bus) meine Kolleginnen, die ich so bald nicht wieder sehen werde. Aber vergessen werde ich sie sicher nicht, und den Kontakt verlieren auch nicht. Aber es blieb mir nicht viel Zeit zum Nachdenken, es ging weiter nach Dubai.
In letzter Sekunde am Flughafen kurz vor Abflug habe ich noch die Bestätigung und die Weganweisung fürs Couchsurfen bekommen. Als ich frühmorgens vom Taxi an einer Eins-A Villa mit allem drum und dran rausgelassen wurde, war ich platt. Ich bekam von meinem Couchsurf-Gastgeber gleich die Schlüssel in die Hand gedrückt und er zeigte mir mein persönliches Zimmer. Perfekt ausgestattet, mit eigenem Badezimmer aus Marmor, besser als im Hotel: Alles kostenlos! Nur die Klimaanlage war mir etwas zu kalt. Aber am nächsten Tag wusste ich die Kühle zu schätzen. Dubai ist selbst jetzt im Oktober ein Ofen für Brat-Männchen (nicht Hähnchen) mit mehr als 40 Grad. Kein Wunder, dass die Buswartehäuschen klimatisiert sind. Sonst würde man gleich pulverisieren.
Nach einer Dusche und einem kurzen Planning machte ich mich schon auf den Weg Dubai kennen zu lernen. Neckische Menschen ssagen ja auch „Do buy“ (Kauf!!), weil es kaum Kultur zu sehen gibt: Nur Hochhäuser und Shopping Malls.
Ich sah das teuerste Luxushotel (Burj al Arab), das höchste Hochhaus der Welt 818 m, Burj Dubai, (voll fett irrealisitsch ey, wenn man davor steht… kann man ja gar nicht glauben so was zu sehen), besuchte die größten und luxuriösesten Shopping-Center der Welt (Dubai Mall, Emirates Mall), benutze die niegelnagelneue Metro, ohne Fahrer, perfekt! Die Wege dazwischen habe ich manchmal gelaufen (Schwitz, Sauf, mehr Schwitz) bis ich es Leid war die Salzkruste vom Schweiß abzuklopfen.
Auch die Creek eine Art Bucht, in dem noch traditionelle Bote Menschen hin und her transportierten, als auch kleine arabische verwinkelte Gassen mit Goldläden habe ich gesehn. Es war unglaublich neu, luxuriöus, der Hammer halt! Nur die dicksten Karren auf der Straße. Alles ab Porsche Cayenne aufwärts. Ja, aufwärts! 🙂 (Na klar, gibts auch kleine Autos, aber die waren in der Minderheit).
Aber es gibt auch andere Seiten des Dubai. 80 Prozent der Einwohner sind Ausländer. Erst seit 30-40 Jahren gibt es eine rasante Entwicklung in diesem Land. Die meisten Menschen sind aber hauptsächlich da, weil sie in Dubai mehr Geld verdienen können, als zu Hause. Wenn sei weniger verdienen würden, wären die meisten schon weg. Dubai ist eine sehr tolerante Stadt, in dieser Hinsicht, aber ich glaube das hat auch seine Nachteile, dadurch das die Menschen weniger Rücksicht aufeinander nehmen, das sieht man an Fahrweise und Verhalten im Alltag: Alles ein bisschen sehr Materialistisch finde ich: Da fehlt ein wenig die Stabilität einer Vergangenheit, einer Kultur, die noch gelebt wird: andere Werte außer Geld, aber es ist natürlich schwer das zu beurteilen, wenn man nur ein bisschen Sightseeing macht.
An meinem letzten Abend durfte ich auch noch ein besonderes Erlebnis machen: Mit einem Bekannten sind wir in eine Hotelbar gegangen. In der ganzen Stadt gibt es keinen Alkohol (Muslime dürfen keinen Trinken), mit Ausnahme der Hotelbars für Ausländer. Aber wir waren in einer Bar, wo alle Frauen ihren Körper gegen Geld anboten. Das ist die andere Seite Dubais, aber auch sie existiert. Viele Frauen aus Osteuropa, Asian und Afrika kommen zum Geld verdienen auf diese Weise nach Dubai. Die Stimmung war generell sehr angespannt, man merkte halt, es liegt Business in der Luft, es geht um Geld und nicht um Spass: Glaubt mir, Erasmus-Partys (mit europäischen Austauschstudenten) sind wilder. Die Frauen waren hübsch, aber beim Gedanken an andere Lebewesen wie Viren und Bakterien ist mir der Appetit auf finanzielle Transaktionen vergangen, meinen Kollegen gings genau so. Das Bier war schon teuer genug. 🙂 Übrigens: Das Alkoholmonopol für das Land hat einer der Landesführer. Ist es nicht manchmal zwieträchtig? Als Muslim ist Alkohol trinken für ihn verboten, aber verkaufen ist okay. Ich will das nicht bewerten, sondern nur den Zwiespalt aufzeigen. Bilder von dem Abend gibt leider nur in meinem Kopf.

Die Landung in Deutschland – Danksagung

Jetzt werde ich gleich landen und muss mich kurzfassen.
Dubai hat schöne Strände mit Palmen und hübsche Frauen, aber ich bin gespannt, wie Dubai und seine Menschen sich weiter entwickeln werden: Wird es Sodom, Gomorrha und Babel zugleich sein?

Auch ich habe mich weiterentwickeln können bei dieser Reise und da will ich nicht unerwähnt lassen, wem ich das zu verdanken habe!
Ich danke meinen Eltern, meiner Großmutter und meinen Freunden für ihre Unterstützung: Sei sie finanziell, sei sie durch Worte, Taten oder ihre Geduld! Euch habe ich zu verdanken, dass ich diese wunderbaren Erlebnisse machen konnte, weswegen ich mich auch verpflichtet fühle sie mit Euch auf diese Weise zu teilen.
Herzlichst: Danke!
Fürs Unterstützen, Lesen, Da sein!
Und jetzt lande ich: Zu Hause!

Nachtrag: Vergisst Euch nicht die Bilder in der Foto-Galerie anzuschauen!

Veröffentlicht von

Sascha Foerster

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