Feiern, Lesen, Beten in Sunchon, Yulpo und Mokpo

Die Tage in Yulpo sind ruhig gewesen. Das habe ich nach Seoul auch noch mal gebraucht, einfach einen ganzen Tag am Strand sitzen, ein Buch lesen, keine Besichtungspläne, keine Sorge um Essen, einfach nur leben und leben lassen, unter den Kiefern zu sitzen und aufs Meer mit den kleinen Inselgruppen zu schauen. Ich stelle fest, dass es mit etwas schwererfaellt neue Besonderheiten der Kultur zu berichten, weil viele Dinge mir gar nicht mehr so besonders vorkommen. Man gewoehnt sich an die Fahrweise der Koreaner genau so wie an die Schaerfe der Speisen. Beim Essen ist es sogar so, dass ich eine Lust verspuere etwas Scharfes zu Essen, so als ob man suechtig davon wird. Achja, neue Bilder gibts jetzt auch!!

Am Strand habe ich Siddharta von Hermann Hesse gelesen. Ich lese nicht oft Buecher ein zweitesmal, aber es hat sich gelohnt. Hier habe ich soviel mehr Ruhe ein Buch zu lesen. Kein Computer, keine Anrufe und keine unnoetigen Verpflichtungen und trotzdem lebe ich weiter, ja sogar viel entspannter, viel mehr ich selbst. Ich befuerchte, dass es nicht einfach wird diese Ruhe und Ausgeglichenheit in Deutschland zu bewahren, aber ganz ohne Spuren wird diese Reise auch nicht vergehen. Ein Grund dafuer ist die Reihe von unvergesslichen Ereignissen, mittlerweile sind es schon so viele, dass ich sie nicht mehr alle auseinanderhalten kann, soviel unvergesslichers, dass ich es nicht alles behalten kann.
Die Aerzte aus dem Asan-Krankenhaus haben sich am Freitag Abend zum Feiern getroffen, wir sollten mitkommen. Geplant war eine 3 stufige Abendplanung: Erst Essen im Restaurant, dann trinken in einer Bar und dann tanzen in einem Nachtclub. Nicht nur in Deutschland sind Aerzte bekannt fuer ihre Feierkultur. Das Essen fing schon sehr gut an, es war wiederum sehr lecker, zum Beispiel wurden Fleischstreifen auf dem kleinen Tischgrill gebraten, dann legte man sich zuerst ein Sesam-Blatt auf die Hand, darauf das Fleisch, ein Stueck Zwiebel, etwas Knoblauch und ein bisschen scharfe Sosse, das wickelt man zusammen und schiebt es mit der Hand in den Mund. Sonst Reis, Kimchi und viele andere kleine Beilagen. Die Koreaner wurden nicht muede mir die aussergwoehnlichsten Speisen andrehen zu wollen. Mit Gleichmut und einem froehlichen „Lecker!“ schob ich mir rohes Muskelfleisch vom Rind, kleine Striefen von roher Leber und kulinarischer Hoehepunkt Kuhmagen, ja auch roh, in meinen eigenen Magen. (Alle Vegetarier, es tut mir Leid!) Beim Kuhmagen beschloss ich, dass es mir ab jetzt reicht, und ich sage, wenn mir was nicht schmeckt. Leber ging ja noch, aber Kuhmagen, bitte, wer kann sowas moegen? Es schmekcte uberhaupt nicht. Freude bereite meine mir selber unbekannte Trinkfestigkeit. Soju, der koreanische Schnaps, schmeckt fuer mich wie Wasser mit etwas Ginsenggeschmackt, aber bei den Krankenschwestern verhilft ein Glaschen davon zu einem knallroten Gesicht mit blauer Nase (zyanotisch) und anhaltende Besoffenheit ueber den ganzen Abend bis zum naechsten Tag, ich sagte bereits, die Gene um Alkohol abzubauen, ich danke so sehr dafuer! So trank ich den einen um den anderen bruederlichen Trank mit den mittlerweile in lauter Stimmung groelenden Aerzten, beiderseits erstaunt, wieviel ich trinke. Ich gebe zu, ich habe mindestens 3 Liter Wasser nebenbei getrunken, das soll gegen den Kater helfen, und ich hatte auch bisher keinen. Der zweite Gang mit trinken und tanzen fand in einer anderen Stadt, Sunchon, etwa eine Stunde entfernt statt. Eine der aelteren Schwestern fuhr uns dorthin. Zuerst sage ich, diese Schwester ist sehr verantwortungsvoll, und weiss genau, wie Leute aussehen die einen Autounfall hatten, sie hatte auch nicht an dem Abend getrunken. Aber: Wir sassen zu zehnt im Jeep, mit voller Diskolautstaerke und 5 wild zu koreanischer Popmusik kreichender Maedchen ueber die Landstrasse, nicht besonders schnell, so 80 km/h, aber uns beiden, mir und meinem koreanischen Freund ist fast schlecht geworden von dem hin und her und wir hatten Angst um unser Leben, naja, ich war doch etwas angetrunken und es machte auch etwas Spass mitzukreischen, aber sowas habe ich auch noch nie erlebt, schlimmer als Achterbahn, hier gabs einfach zu wenig Sicherheitsgurte (sowas wie Anschnallpflicht gibts hier nicht, da wuerden Koreaner auf drauf pfeifen, eher lachten sie mich aus: Wir fahren ja nur durch die Stadt. Ich dachte: Eben darum!)
In Sungchon setzen wir uns in eine Bar und es ging mit den Trinkspielen weiter. Diesmal grosse Gefaesse mit koreanischem Bier. Eine koreanische Eigenart ist es, beim Alkoholtrinken immer Beilagen zu Essen, vielleicht weil sie sonst ne Alkoholschock bekaemen. Die Fruechte die serviert wurden waren wahrlich koestlich, aber als auch Fritten auf den Tisch kamen schlug mein Herz hoeher und ich spuerte sowas wie Heimweh. Die Erinnerungen werden fuer mich immer duenner ab diesem Zeitpunkt, ich weiss nur noch, dass wir in eine grosse Diskothek gegangen sind, oder auf koreanische Na-I-Te, angelehnt an das englische Night fuer Nacht.
Sowas hab ich auch noch nicht gesehen. Erstmal ist es dunkel und man hoert tiefe Bassschlage vom Ende des Ganges. Die Tueren schwingen auf, man sieht eine grosse hellbeleuchtete Buehne mit leichtbekleideten attraktiven koreanischen Damen (leichtbekleidet, nicht nackt!) und einer koreanischen Popband, zu anderen Seite sieht man viele Tisch mit kleinen rotflackernden Lampchen, jeder Tisch abgetrennt durch eine kleine Miniwand, opernartig gibt es kleine Privatbalkonen an den Waenden. In der Mitte davon eine Tanzflaeche, die von schweren Boxen begrenzt wird.
Es bleib vielleicht eine Minute um sitzenzubleiben, ab dann wurde nur noch getanzt. Beim ersten Mal stellten sie mich in die Mitte und ich musste ein bisschen vortanzen (immer wieder die eigenen Grenzen und Scham ueberwinden) danach …ach einfach tanzen, abundzu die Buehnenshow beobachten, mit Feuerwerk und den Bass des koreanischen Disko-Pop in seinem Bauch spueren. Zwischendurch gabs es Slo-Mo Lieder und ich durfte, okay sie schubsten uns zusammen, aber ich durfte mit einer der Schwestern tanzen. Die Koreanerinenn sind wirklich klein, ich musste mich etwas buecken, damit sie nicht unter meiner Achsel verschwindet.
Manchmal war es mir etwas mulmig, denn erstens war ich einer der groessten Maenner in der ganzen Disko, war ein etwas seltsames Gefuehl, das kannte ich noch nicht vorher. Und mulmig wurde mir bei dem Gedanken, dass ich wohl der einzige Europaeer hier bin, vor allem wegen der auffalligen Augen, die ja hoch oben auf meinem auffalligen grossen nicht-asiatischen Kopf thronen. Da muste ich schon an den Film „Blade“ denken. Fuer eine der Schwestern war es der Abschiedsabend, am vortag war ihr letzter Tag im Krankenhaus. Am Tag waren alle etwas bedrueckt deswegen. Zum einen war sie sehr beliebt, zum anderen findet man auf dem Land nicht so leicht Krankenschwestern. Alle wollen in Seoul arbeiten (was mir ein bisschen verstaendlich ist, aber eigentlich schade, Land ist doch so viel schoener). Sie wird nachdem sie das Krankenhaus verlassen hat erstmal fuer einige Monate nach Seoul gehen, um dort ihr Englisch zu verbessern, denn sie hat einen Traum, den sie bald verwirklichen moechte. Sie moechte in den USA als Krankenschwester arbeiten und dort einen amerikanischen Abschluss erwerben. Es ist nicht einfach fuer sie, die Familie, die Freunde und Kollegen alle hinter sich zu lassen, vor allem in einer Gesellschaft, wo zum Beispiel das Zusammenhalt in der Familie das hoechste Gut ist, tendenziell ist es bei uns eher das Wohl des Einzelnen. Meine Meinung ist, beide Seiten haben Vor- und Nachteile. Aber es gibt viele Kraefte, die sie hier halten wollen, was bedeutet, dass sie ihren grossen Traum im Leben aufgeben muesste.
Mein koreanischer Freund und ich konnten aber einfach durch unsere Anwesenheit und auch manches gutes Wort sie unterstuetzen, dass sie das richtige tut, auch wenn es schwer faellt. Mit ihr fiel mir die Kommunikation am leichtesten, weil sie wirklich gut Englisch sprach und auch direkt und offen war, als wir im Krankenhaus ankamen, im Gegensatz zu den meisten anderen unverheirateten koreanischen Maedchen, die so lange total schuechtern sind, bis man als Teil der Familie aufgenommen wird. Dann sind sie aber umso herzlicher, offener und vertrauensvoll.
Einen Tag hab ich meinen Kater ausgeschlafen und festgestellt dass mein Ohr von der Disko immer noch piept, sogar 2 Tage danach noch.
So bin ich heute bei den Tanten meines koreanischen Freundes in Mokpo. Eben auch wieder schuechterne Maedchen, die Jungs etwas schneller vertrauensvoll. Einen 6 Jaehrige habe ich meinen Koreanisch-Lehrer genannt, da hat die ganze Familie gelacht, aber er ist wirklich ein guter Lehrer. Er sagte mir auf einfache Weise, wie die Dinge heissen, und erklaerte mir was gross und klein auf koreanisch heisst, und dick und duenn. Bei dick zeigte er auf seinen aelteren Bruder, der tatsaechlich etwas dick ist.
Heute morgen habe ich meine zweite presbyterianische, koreanische Messe besucht. Diesmal war ich sehr enttauscht. In Seoul war die Musik hervorragend, besser als bei vielen anderen Konzerten, wirklich bewegend und nahegehend. Die Reden in Seoul waren einfach von der Anordnung der Stimmlage perfekt choreographiert, alles wurde auf Video aufgenommen und fuer die Leute zu Hause ausgestrahlt. Das war die pefekteste Messe, die ich je gesehen habe, ohne ein Wort zu verstehen. (Also ist ja eh klar, Vater unser, eine Stelle aus der Bibel und die Predigt, umrandet von Musik). Aber hier in Mokpo war die Kirche fuer mich die Hoelle. Mir fiepsten noch die Ohren von der Disko, und da singt die Frau vom Pfarrer mindestens so laut alleine in das Mikro wie die halbnackte Taenzerin in der Disko wzei Naechte zuvor, nur dass die Taenzerin auch singen konnte. Zusaetzlich kommt, dass die Boxen davon fast abstarben und uebersteuerten, weil sie viel zu klein fuer diese Lautstaerke waren. Aber der Hoehepunkt war die Rede des Pfarrers, da waere ich fast den Ohrentod gestorben und wollte rausrennen, oder ohnmaechtig werden. Der hat eigentlich nicht eine Rede gehalten, sondern der hat alle angebruellt. Ich hab immer nur Satan verstanden, dass ganze unterlegt von pathetischer Synthesizer-Musik, wirklich, mir schmerzten die Ohren, dass ich fast zurueckgeschrieben haette. Dass machten die anderen auch und schrieen nach jedem Satz „Amen“, so laut war es. Unglaublich. Auch bei der Messe in Seoul gab es das, ich verstehe ja nicht, was gesagt wird, aber es wird laut und mit einer Eindringlichkeit gesagt, dass ich fast haette weinen muessen, so schuldig kam ich mir vor. Auf der Nachhausefahrt lief im Auto der Tante wieder Orgelmusik mit viel Halleluja, und ich dachte ans Weglaufen. Jetzt bin ich bei der anderen Tante, die ist auch christlich, aber eben mit anderen Gewohnheiten. Ich erhole mich also immer noch von der Messe und schau mir gleich mal bei Wikipedia an, was sich so Presbyterier nennt. Auf jeden Fall war es meine letzte Messe hier, da gehts im buddhistischen Tempel doch einiges entspannter zu.
Ein Gedanke der mir im Auto kam, weil mir mein koreanischer Freund ein bisschen von dem harten Militaerdienst in Korea erzaehlt hatte, ueber drei Jahre lang und mit voller Haerte. Ich sagte ihm im Auto: Freund, wenn das Kirche ist, was ist dann bitte Militaer!? Ich will und kanns mir nicht vorstellen, es muss auf jeden Fall sehr weh tun. Bei ihm sieht man es daran, dass er nicht mit mir in die Berge moechte, weil er dort einen Grossteil seiner Militaerzeit verbracht hatte.
Mein koreanischer Freund ist nun wieder nach Hause gefahren, ich bleibe eine Nacht bei der Tante und nehme morgen frueh um 9 Uhr die Faehre auf die Insel Jejudo. Ich habe vor dort 4 bis 5 Naechte zu bleiben. Ich freue mich schon sehr, selbst viele Koreaner waren noch nicht dort und verlangten von mir, ich solle schoene Bilder schiessen und sie ihnen zeigen.
Jetzt geh ich noch mal zu meinem Koreanisch-Lehrer… 🙂

Veröffentlicht von

Sascha Foerster

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