Das Krankenhaus Asan in Boseong

Ich habe mich verliebt in Korea. Ich muss es zugeben, ich haette es so nicht erwartet, aber mittlerweile ist es mir ziemlich klar geworden. Ich werde dieses Land nicht mehr einfach so hinter mich lassen koennen, als Punkt auf der Landkarte, den ich besucht habe. Bei allem Respekt vor meiner eigenen Familie, so bin ich auch hier wie ein Familienmitglied aufgenommen worden. Zwei Dinge haben mich besonders beeindruckt. Die Berge, auf koreanisch „San“ 산, aber auch die Menschen, vor allem die Krankenschwestern und Aerzte, aber auch die Patienten des Krankenhaus Asan in der naechstgroesseren Stadt Boseong.

Ich musste schon frueh sehr erstaunt feststellen, dass die Berge hier wirklich so aussehen, wie auf den Kallligraphien, die ich vorher gesehen hatte und nur fuer kuensterischen Ausdruck gehalten habe. Und nicht nur deren Konturen, sondern auch deren Farben. Die Bergketten, die weiter hinter liegen, werden immer heller, bis sie mit dem Horizont eins werden. Fuer Koreaner ist es wahrscheinlich nichts besonderes, genau so wie mich die Huegel in meiner eigenen Heimat auch nie besonders interessiert haben. Erst seit dem ich lange Zeit in einer eher flachen Region wie Bonn wohne (abgesehen vom Siebengebirge), stelle ich mit Erstaunen fest, wie schoen Belgien ist. Aber die Schoenheit dieser Berge hier, ergreift mich jeden morgen von Neuem, wenn wir mit dem Vater meines Freundes zum Praktikum ins Krankenhaus fahren. Im kleinen Daewoo Matiz fahren wir in Schlangenlinien den Berg hinauf, entlang an den Gruenteeplantagen, entlang an kleinen Bauernhausern, auf deren typisch asiatischen Daechern die Landbewohner ihre Chilli-Schotten fuer das Gimchi trocken, bis wir oben auf der Bergspitze anlangen und den Stausee im Tal, inmitten der Berge, sehen koennen, an dessen Ende sich ein Reisfeld an das andere reiht. Zu diesem Bild gehoeren aber auch die modernen Polizeiautos, die am Strassenrand stehen, selbstverstaendlich haben sie aus Prinzip das Blaulicht an, auch wenn sie nur auf den naechsten Einsatz warten. Selbstverstaendlich sind wir nicht angeschnallt, weil es keiner tut, und keiner sich darum sorgt, dass die Gurte auf dem Hintersitz erreichbar sind. Und leider gehoert auch der Tod zu diesem Bild. Am dritten Tag unseres Praktikums im Krankenhaus sehen wir, dass ein Auto in eine aus Stein gebauten Bushaltestelle gerast ist und ziemlich kaputt aussah. Genau in dem Moment erahnte ich schon, was uns in der Notaufnahme erwarten wuerde. Drei Tote, zwei Jugendliche, die hinten im Auto sassen und der noch angetrunkene fahrer. Nur der Beifahrer, ein Mann mittleren Alters, hat ohne groessere Verletzungen ueberlebt. Mein koreanischer Freund und ich machen ein Praktikum in diesem Krankenhaus. Er wird hier die naechsten 4 Wochen arbeiten, ich bleibe eine Woche hier und darf mir mit Erlaubnis des Direktors hier alles anschauen, sogar die Darmspiegelungen und Operationen. Eine besondere Operation, die es eigentlich nur in Asien gibt, ist die Lidfaltenkorrektur. Unter Koreanern gilt es als Schoenheitsideal eine zweite Lidfalte zu haben, und so gibt es eben Schoenheitsoperationen, die genau dies ermoeglichen. Dafuer wird ein Stuck HAut auf der Lidklappe entfernt und die beiden Enden wieder zusammengenaeht. Ich hab noch so einiges mehr an Operationen gesehen, was anfangs schockierend fuer mich wahr, aber mittlerweile kann ich mit Interesse zuschauen. Nur bei Schoenheitsoperationen sehe ich den Sinn meistens nicht mehr, und so halte ich mich davon fern.

Es hat beim ersten Mal einiges an Ueberwindung gekostet bei allem zuzuschauen, ich haette auch nicht gemusst, aber trotzdem ist es eine interessante Gelegenheit den Aerzten ueber die Schulter zu schauen, die ich in Deutschland vermutlich so nicht bekommen haette. Dadurch, dass ich kaum Koreanisch spreche, und selbst die Aerzte nur „konglisch“ sprechen koennen, werde ich eigentlich meistens ignoriert. Abgesehen von ein paar Krankenschwestern, die im OP arbeiten. Eine davon spricht sehr gut Englisch, und sie war auch sehr offen, im Vergleich zu ihren mir gegenueber sehr schuechternen Kolleginnen. Auf witzige Weise habe ich verstanden, warum sie so schuechtern sind, mit mir zu sprechen, denn eigentlich beherrschen sie alle Englisch, vor allem durch die Fachbegriffe, die meistens uebernommen werden. Wir sprachen ueber Hobbies, und in meinem Lehrbuch stand das koreanische Wort fuer Angeln. Ich fragte Sie, ob das ihr Hobby sei. Sie antworte auf English: „I don’t like pissing.“ Man muss wissen im Koreanischen gibt es nur einen Laut, wo wir meistens zwei benutzen koennen, zum Beispiel bei p,f,v oder bei l,r oder bei sch,ch,sh,s,ss. So kommt es zu den lustigsten Sprachverwirrungen. Pissing statt fishing, Copy statt Coffee… Es ist also verstaendlich warum Koreaner nicht so gerne Englisch reden: Sie werden staendig ausgelacht. Und es ist wirklich manchmal kaum zum aushalten, wie englische Woerter verdreht werden. Aber dadurch, dass eine Schwester Englisch beherrscht, und die anderen meine Bemuehungen erkannten Koreanisch zu lernen, und auch mich manchmal auslachen durften, haben sie sich geoeffnet und sind alles andere als schuechtern geblieben.

Mit ihnen durfte ich naemlich einen meiner schoensten Abend seit langem erleben. Mein koreanischer Freund und ich sind nach der Arbeit mit dem Bus zu seinen Eltern nach Hause gefahren und haben uns draussen vor dem Restaurant unterhalten. Ploetlich faehrt ein Auto vor und 5 der jungeren Krankenschwestern steigen aus, alle schick angezogen. Sie waren zusammen mit dem anderen Personal in Yulpo essen und wollten mal bei uns vorbeischauen. Sunghun und ich, eigentlich vor allem ich, hatten den Mund weit offen stehen. Selbst die Eltern haben nicht schlecht gestaunt ueber den huebschen Besuch. Ihre grossen Sorgen, dass ich mich bei Ihnen langweilen koenne, waren mit einem Male und einem breiten Grinsen, wo sonst nur ausgeglichene Gesichtszuege, weggewischt. Sie luden uns ein, mit ihnen ins Noreebang (노내 벙) zu gehen, vergleichbar mit einer japanischen Karaoke-Bar. Sunghun wollte seinen Eltern weiter im Rerstaurant helfen, und war nicht dazu zu bewegen, mich zu unterstuetzen. So muesste ich, ohne Wahl, aber mit Freuden und etwas Verkrampfung ins Norebang. Es war das erste Mal, und es ist das gewesen, wonach ich mich in Deutschland gesehnt habe. Mein bekommt sein eigenes Zimmer mit riesigen Lautsprechern, ein paar Tischen, Bildschirmen und Mikros, in das man seine Freunde mitnimmt. Dann wahlt man ein Lied aus, schnappt sich ein Mikro, singt und die Maschine sorgt dafuer, dass das was man singt sich klasse anhoert, und alle darauf tanzen koennen. Kein Saufen, kein Rauchen, keine bloeden Anmachen und keine Schlaegereien. Purer Spass mit 5 Krankenschwestern! Uerbhaupt muss man sagen, das hier, wenigstens bis vor einigen Jahren die Hemmschwellen in Sachen Liebe ganz anders als in Deutschland liegen. Miteinander ausgehen, zusammen Spass haben, sich Nahe sein, da gibt es keine Hemmschwellen. Man ist ganz frei und kann sich ungehemmt zeigen und Freude haben. Die Distanz zwischen den Menschen ist viel geringer als in Deutschland, was mich zuerst verwunderte. Die Hemmschwelle liegt woanders, naemlich da, wo Kuessen und Sexualitaet anfangen. Diese Hemmschwelle wird bei uns in Europa wuerde ich sagen, immer schneller ueberwunden, dafuer traut man sich kaum mit jemanden ein „Date“ zu haben, weil das gleich bedeuten koennte, man wird in ein paar Tagen miteinander schlafen. Das wird hier nicht so schnell passieren. Um es auf Umwegen zu sagen: Eine weitere spezielle koreanische Operation ist die Wiederherstellung des Jungfernhaeutchens. Ich muss leider auch zugeben, dass mein koreanischer Freund und ich hier auch beobachten konnten, dass immer mehr Jugendliche sich von anderen Idealen leiten lassen. Seit 4 Jahren stellen sich immer mehr Jugendliche die Frage, ob sie nicht erstmal mit mehreren Partnern geschlafen haben muessen, um zu wissen ob sie mit jemanden eine feste Beziehung eingehen moechten. Soviel zum Thema Liebe in Korea. Achja, der Abend im Norebang war spitze! Direkt danach, als die Maedchen nach Hause gefahren sind, sass ich am Esstisch mit den Eltern, gut erzogen mit den koreanischen Manieren wie ein kleines Schaf. 15 Minuten vorher bin ich rumgehuepft inmitten von suessen Krankenschwestern, nun sitze ich im Schneidersitz still mit meinen Essstaebchen klappernd und brav die Nudeln schluerfend mit der Familie am Esstisch. Aber ich habe ein riesengrosses Grinsen auf den Lippen, das noch die naechsten Tage andauerte. Diese Maedchen haben mir ein sehr grosses Geschenk gemacht! Aber genauso bin ich dankbar fuer meine koreanische Familie, so moechte ich sie nennen.

Ich schicke Euch allen meine liebsten Gruesse, und ich vergesse Euch nicht! So wie mir das Leben hier gefaellt, genau so vermisse ich meine eigene Familie und Freunde und freue mich sie wiederzusehen. Vielleicht freue ich mich auch ein bisschen wieder auf Messer und Gabel und Naseputzen am Esstisch, waehrend ich Spaghetti Bolognese aufwickle.

 

 

 

 

Veröffentlicht von

Sascha Foerster

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